2. Genießer-Tour mit Vorführbikes

Diese eine, die man immer gut fand, aber wo es nie gepasst hat.
Diese, um die man immer rumgeschlichen ist, die immer ein anderer hatte.
Diese, das genau das kombiniert, was dir gefällt.
Wenn man diese dann endlich fahren kann – dann ist es etwas ganz Besonderes.

Yamaha XSR900, klassische Optik, moderne Technik – die fehlte mir noch. Umso mehr habe ich mich wie ein Schnitzel gefreut, bei der Genießter-Tour auf ihrem Rücken platznehmen zu dürfen. Dabei wäre es fast nicht dazu gekommen. Denn kurz zuvor wechselte die eigentlich als Vorführer geplante Maschinen den Besitzer – der Glückliche. Doch Gärtners hatten ein Einsehen und haben ein anderes Modell, mit wenig Kilometern auf der Uhr angemeldet und so stand ein neuer Vorführer bereit.

Und mit wenig Kilometern meine ich 58 (!).

Ich übernahm die in „Garage Metal“ gestaltete Maschine kurz vor 13Uhr, eine große Einweisung war nicht nötig. Naja fast nicht. Dass das Schloss für die Sitzbank unter der Sitzbank war und das Fach genau Platz für mein Portemonnaie bot war ein kleiner Aha-Effekt.

Ansonsten alles an seinem Platz – breiter Lenker, einige zusätzliche Bedienelemente für Traktionskontrolle und Motor Mapping. Aufsitzen! Die Tachoeinheit ist übersichtlich und zeigt ohne Schnickschnack alles wesentlich auf begrenztem Platz an – mehr wäre auch nicht nötig. Ich sitze bequem auf der recht breiten Sitzbank, komme ohne Probleme mit beiden Füßen zum Boden und kann aufrecht sitzend lässig den Lenker greifen. Ich war gespannt, wie sie sich so fahren ließ. Hatte ich doch schon die „nackte“ MT-09, die Tourenschwester Tracer 900 und auch die „kleinen“ Bikes mit 700ccm allesamt probiert. Die XSR700 war mir dabei in schöner Erinnerung geblieben. Die mehrstündige Tour sollte mir Gelegenheit geben, einen Eindruck zu gewinnen.

Kurz nach 13Uhr rollten wir dann los. 8 Motorräder mit 9 Personen auf 17 Reifen – 17? Ja, Matthias fuhr mit dem dreirädrigen Niken voran.

Die mit 6 Stunden üppig angesetzte Tour führt auf inzwischen bekannten und bei mir beliebten Strecken durchs Seidewitztal, über Bahretal und Neundorf. Durch Langenhennersdorf ging es Richtung Königstein, einmal durch und hoch nach Pfaffendorf und Pabstdorf und Krippen. In Bad Schandau wechselten wir die Elbseite und hielten oberhalb von Mittelndorf das erste Mal an. Zeit für einen ersten Eindruck.

Die XSR900 wiegt angeblich knapp 200kg vollgetankt. Davon habe ich aber nichts gemerkt. Ab Schrittgeschwindigkeit ließ sie sich willig und leitfüßig dirigieren, bis zum Stehen problemlos ausbalancieren und man hatte das Gefühl auf der sprichwörtlichen Briefmarke wenden zu können. Und das, obwohl man wie ich nur wenige Minute auf ihr saß. Das Handling schaffte absolutes Vertrauen – zu keiner Zeit fühlte ich mich damit überfordert. Die Ergonomie war dabei ein wahrer Tausendsassa. Sportlicher, nach vorn geneigter als bei der XSR700, bequemer und lässiger als die MT-09. Mit 1,78m konnte ich auch ohne einen Buckel zu machen im Stehen fahren. Dass das ein Vorteil war zeigte mir die Dauer der Tour. Ohne Komfortsitzbank konnte meine „Sitzfläche“ kleine Pausen durchaus gebrauchen. Die Standardsitzbank sieht zwar klasse aus, die Dicke des Polsters ist aber eher etwas für Asketen, Kurzstreckenfahrer oder ganz hartgesottene.

Die Federung hingegen ist ein gelungener Kompromiss. Wieder ein besserer Komfort als bei der MT, aber straffer mit klarerer Rückmeldung als bei der 700er. Von sportlich bis gemütlich, von 1A-Belag bis Kopfsteinpflaster – ein gelungener Kompromiss. Dass moderne Yamahas eher glatten Premium Asphalt bevorzugen bleibt allerdings ein offenes Geheimnis, wenngleich die XSR hier ein sehr breites Spektrum abbildet, solang die Route den Begriff „Straße“ verdient.

Ein weiterer Pluspunkt gegenüber der kleinen Schwester ist übrigens die Wahl der Reifen. Statt der zwar authentisch aussehenden Pirelli Phantom der XSR700 sind hier bei identischen Dimensionen mit Bridgestone Battlax sportlichere Pneus montiert, was Fahrverhalten und Vertrauen unglaublich guttut.

Nach dem ersten Zwischenstopp ging es in dem für Matthias typischen, routinierten und gemütlichen Tempo weiter. Es wäre keine Genießer Tour, wenn sie in Raserei ausarten würde. Nach Sebnitz ging es und von dort aus durch Neustadt und durch den Hohwald nach Steinigtwolmsdorf.

Diese ohnehin als gefährlich bekannte Strecke bot ein krasses Beispiel, wie man es nicht macht. Der Fahrer eines weißen Renault Kombis mit Sebnitzer Kennzeichen (SEB-AA … wer ihn kennt, möge ihm für immer den Führerschein wegnehmen) überholte an einer völlig unübersichtlichen Stelle 6 der 8 Teilnehmer, um erst IN einer Kurve hinter dem zweiten einzuscheren – kurz bevor er frontal in eine entgegenkommende Harley krachen würde. Auch die beiden Führungsfahrzeuge wurden in einer haarsträubenden Aktion überholt, bevor es mit weit überhöhter Geschwindigkeit weiterging. Das hätte leicht Tote geben können. Solche Leute haben in einem Kraftfahrzeug nichts zu suchen!!!

Zurück zur Tour: Hinter dem Hohwald ging es weiter nach Neukirch, durch Wilthen und hoch zur Mönchswalder Bergbaude. Nach gut 2 Stunden gab es hier die dringend benötigte Abkühlung, denn bei über 25°C ist es in dunkeln Motorradklamotten auch im Schatten fast unerträglich, wenn der Fahrtwind fehlt. Mit einem kalten Getränk, dazu Eis oder eine kleine Speise versorgte die freundliche Bedienung die bunte Truppe. Die Preise gingen dabei in Ordnung und der Ausblick von dort oben ist eine Empfehlung wert. Am Tisch saßen junge und alte Biker, Viel- und Gelegenheitsfahrer. Die Themen waren gemischt, doch es ging um schöne Touren, schöne Motorräder und das Wetter, dass nie wirklich passt, aber halt eben hingenommen wird.

Nach einer guten halben Stunde ging es wieder zu den brav im Schatten wartenden Maschinen. Da stand sie wieder – die XSR900. Hübsch ist sie. Ein klassisches Motorrad, großer runder Scheinwerfer, langer und großer Tank, nur wenig gestufte Sitzbank. Keine Verkleidung, keine Koffer, keine Scheibe. Optisch ein Naked Bike der alten Schule. Doch das Aussehen täuscht. Der „Tank“ ist eine Kunststoffabdeckung, im Rücklicht leuchten LEDs, Fahrwerk, Bremsen, elektronische Helferlein – alles auf neustem Stand. Und das ist auch gut so. Denn das Herzstück, welches sich die XSR mit ihren Schwestern teilt ist der fabelhafte 850ccm Dreizylinder. Ab 2000 1/min zieht er stoisch vorwärts, ab etwa 5000 1/min geht es zur Sache und noch weiter oben zieht es dir die Arme lang. Ein Alleskönner, der schon fast ein wenig „zu viel“ Leistung hat. Aber man muss sie ja nicht nutzen – tut man es, ist leicht der Führerschein in Gefahr, so bereitwillig geht die 900er vorwärts, wenn man sie lässt.

Nach der großen Pause ging es kurz vor 16Uhr weiter, zurück durch Wilthen und das unerwartet schöne Schirgiswalde. Hinter Sohland wechselten wir dann in die Tschechische Republik und damit für mich in bisher unbekanntes Terrain. Es fiel auf, dass selbst die kleinsten Nebenstraßen meist mit klasse Asphaltdecke bezogen waren. Durch Orte, deren Namen mir nur schwer über die Lippen kommen, schlängelten wir uns durch die Böhmische Schweiz. Staré Krecany, Jetrichovice und schließlich Hrensko hinterließen einzigartige Eindrücke. Das Hinterland bot tolle Straßen durch kleine, leider teils zerfallene Dörfer mit wohl wechselhafter Geschichte.

Als wir dann bei Schmilka wieder nach Deutschland kamen, stand für mich schon fest – hier komme ich wieder hin!

Zurück ging es recht zügig, erneut über Bad Schandau, durch Königstein, aber dann durch Struppen und Pirna. Zum Abschluss wurde wieder in Heidenau getankt. Anders als sonst bei den Feierabendtouren jeder auf eigene Rechnung. Nach 197km laut Tacho flossen gerade einmal 8,75 Liter in den Tank. Die erreichten 4,5 Liter sind natürlich der gemütlichen Fahrweise geschuldet, aber für einen derart potenten Motor ein Wort. Mit sportlicher Gangart steht wohl eher eine 5 vorn.

Alles in allem war es eine tolle Tour durch eine beeindruckende Gegend. Die XSR900 ist ein absoluter Traum – die Reinform des Motorradfahrens. Sieht klasse aus, kann von gemütlich bis ziemlich zügig quasi alles und lenkt nicht mit irgendwelchen Dingen den Fahrer ab. Man fährt so intuitiv, dass nachher das Gefühl hat, es fehlt irgendetwas.

Das Warten war es wert, ich fand sie immer schon gut. Und jetzt, da ich weiß wie sie fährt erst recht. Sollte ich irgendwann mal das Geld haben, um eine zu kaufen – ich würde es wohl machen. Allerdings nur mit Komfortsitzbank.

Daten:
Veranstalter: Gärtner‘s Motorrad-Shop
Preis: Vorführ-Modell für die Tour inkl. Ausrüstung aber exklusive Tanken = 79€
Getestetes Motorrad: Yamaha XSR900

 

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