9. Feierabendtour am 7. Juni 2018

Es gibt Geschenke, die sind weder nützlich noch schön. Und es gibt Geschenke, die sind beides. Ein solches habe ich von meinen Lieben zum Vater-/Männertag bekommen: Einen Gutschein für eine Feierabendtour bei Gärtners Motorradshop.

An diesem schönen Donnerstag schwang ich mich also schon früh aufs Motorrad und machte früher Feierabend, um gegen halb 4 in Dohna zu sein.

Auf mich wartete die regelmäßig stattfindende Feierabendtour mit Vorführmotorädern bei Gärtners.

Man kennt sich inzwischen und so gab es mit Angestellten und Kunden schnell das ein oder andere Gespräch rund ums Thema Motorrad.

Nachdem ich schon einige der Yamaha Modelle probegefahren habe, stand die Frage an, was es diesmal werden sollte. Um meinen fahrerischen Horizont zu erweitern griff ich zur XV950R Bolt.

Klar, dass ich hier und heute nicht mit der Tourenkombi und dem Integralhelm auftauchen konnte. Stilecht hüllte ich mich in schwere Stiefel, eine Biker-Jeans mit Protektoren, eine schwere Lederjacke, einen schwarzen Jethelm und eine dunkle Sonnenbrille. Dazu gab es kurze Lederhandschuhe mir Knöchelverstärkung und ein Halstuch mit Flammenmotiv – was tut man nicht allem, um dem Klischee zu entsprechen: Dunkel, hart, böse. Oder so ähnlich.

Die Maschine begrüßte mich bei bestem Wetter mit einem Farbmix aus Schwarz, Grau und wieder Schwarz. Soweit so gut also. Der Cruiser aus dem „Sport Heritage“ Bereich der Japaner ist in vielen Punkten anders als alles, was ich bisher gefahren habe.

Die Maschine hat einen großvolumigen V2-Motor und einen klassischen Aufbau mit niedriger Sitzhöhe, Tropfentank und weit vorn liegenden Rasten. Die Sitzposition ist lässig und bequem, die Arme gehen nicht nach unten, sondern fast gerade nach vorn zum breiten Lenker mit richtig dicken Griffen.

Die Sitzbank aus schickem Leder, die Rückenlehne für den Sozius, das fette Windschild und die dicke Akrapovic Auspuffanlage zeugten davon, dass hier nicht das Basismodell zum Ritt einlud.

Schick sieht sie ja aus die XV, sehr klassisch – aber was mich mehr bewegte waren die Fragen: Wie fährt sie sich und wie klingt sie? Eines war klar: Die Nennleistung von 52PS sind hier völlig irrelevant – was zählt ist das Drehmoment aus den beiden fast Halbliter großen Töpfen – immerhin reden wir von 80Nm.

Da sich ein Motorrad ab besten erfahren kann, wenn man es fährt, freute ich mich, dass es kurz nach 16Uhr losging. 6 Männer und 1 Frau sattelten die Zweiräder und rollten langsam los. Kurz durch das Müglitztal, dann der Wechsel ins Seidewitztal und hoch bis Liebstadt. Eine tolle, kurvenreiche Strecke, schattig und mit mäßiger Geschwindigkeit – perfekt zum warmwerden – mit dem Fahren selbst und auch mit dem Gefährt.

Oberhalb von Liebstadt ging es dann unter der A17 durch und wir kehrten in Bad Gottleuba-Berggießhübel ins Café Schönbach ein.

Nach knapp 40 Kilometern die ersten Erkenntnisse: Cruisen ist so entspannt, wie es aussieht. Die 5 Zentner lassen sich spielerisch durch die Kurven dirigieren. Obwohl mit Sportmaschinen unterwegs brauchte ich kein einziges Mal die im Vergleich geringere Schräglagenfreiheit auszureizen.

Gewöhnen muss man sich ein wenig an das spartanische Cockpit. Kein Drehzahlmesser, nur eine digitale Geschwindigkeitsanzeige, die Tourenkilometer und eine Handvoll Lämpchen. Kein Mäusekino, keine Ganganzeige, keine Tankanzeige, keine Verstellknöpfe, keine Reizüberflutung. Hat was – so als würde das ganze Motorrad einem sagen: Guck nach vorn, genieß die Fahrt – ich mach den Rest schon.

Das Fünfganggetriebe schaltet sauber und irgendwie scheint es ab 40km/h völlig egal zu sein welcher davon drin ist. Es geht vorwärts, nur die Geschwindigkeit der Vibrationen, die einen sanft durchschütteln, gibt einen Hinweis auf den gewählten Gang.

Nach einem Eiskaffee und ein wenig Fachsimpeln ging es weiter. Ein Thema war, dass die Auspuffanlage sowohl bei den vorausfahrenden, als auch bei den Maschinen hinter mir mit ihrem betörenden Klang gefallen konnte. Ein Ansatz, den man durchaus näher betrachten konnte.

Zurück nach Börnersdorf und dann drei weitere Male die A17 kreuzen, bevor es nach Bahretal ging. Von dort aus ging es hinab auf die B172 kurz vor Königstein.

Da ist es dann doch passiert. Beim Verlassen des Kreisverkehres kam die rechte Raste dem Boden doch zu nah und gab Laut. Gut, hätten wir die Schräglagenfreiheit also doch ausgereizt. Beeindruckend spät, wenn man bedenkt, dass man sehr breitbeinig auf dem Gerät sitzt und die Rasten weit nach außen ragen.

Das blieb übrigens die einzige Berührung dieser Art – auch wenn die folgenden Fahrer die gute Ausnutzung des vorhandenen Kippwinkels bei geringer Reserve bemerkten. In überraschend enger werdenden Kurven muss man zirkeln – da gehört Übung dazu.

Auf der vergleichsweise breiten und schnellen B172 konnte man aber eher andere Tugenden prüfen. Die schwere Maschine zieht gut an und klingt dabei infernalisch. Die XV macht klar: Man muss nicht bummelt, sie beherrscht das ganze Spektrum zwischen Arschgemütlich und ziemlich zornig.

Letzteres verdankt sie vor allem dem Klang, wenn man den Gasgriff mal etwas fester und schneller dreht. Eine Geräuschkulisse die süchtig macht. Trotzdem geht auch zivil – der Fahrer entscheidet.

Bis Bad Schandau und dann zu einer sagenhaften Aussicht zwischen Mittelndorf und Lichtenhain ging es flott voran. Kinder winken, ältere Herren lächeln – das Motorrad ist ein Hingucker.

Beim Fotostopp entstanden tolle Bilder von den unterschiedlichen Maschinen und den Mitfahrern – es war wieder eine tolle Gemeinschaft.

Doch die Tour war noch nicht zu Ende. Matthias Gärtner lotste uns nun über Sebnitz nach Hohnstein. Allen beteiligten war klar, was folgte: Die Abfahrt über die alte Rennstrecke vom Polenztal zur Hocksteinschänke. Ein Traum für jeden Motorradfahrer, trotz  neuerlicher Sperrung am Wochenende und Rüttelstreifen.

Hier bekam ich mit, was nicht geht: Rasen, Kurvenhatz, sportliche Allüren. Gut, dafür ist es ja ein Cruiser – das darf man aber auch nicht vergessen. Auch Flickenasphalt mag die Gute nicht. Weich und fluffig ist das Fahrwerk nicht – ziemlich straff sogar. Passt zum maskulinen Charakter, sollte aber bei der Wahl der Strecke bedacht werden.

Allgemein sei gesagt, dass sich Cruiser halt anders fahren – gelenkt wird eher mit dem Hintern und Druck auf den Rasten als per Knieschluss. Hat man sich daran gewöhnt geht es trotz allem ziemlich flott voran.

Ein kleines Highlight hatte Matthias noch für uns. Von der Hocksteinschänke bog er Richtung Bad Schandau ab, fuhr aber in Neuporschdorf gerade weiter durch Waltersdorf. Das Sackgassenschild machte mich zwar stutzig, aber es ging munter hinter. Auf schmalen, aber top asphaltierten Strecken ging es durch Felder rund um die Lilienstein bis es mit Blick auf die Festung Königstein nicht mehr weiter ging. Die letzte der Pausen war also wieder ein Fotostopp.

Die Strecke, aber auch die Ausblicke sind ein echter Geheimtipp.

Zurück ging es wieder zur Hocksteinschänke und über Lohmen nach Pirna, wo die Elbe überquert wurde. Nach dem Tanken musst ich leider die XV wieder abgeben. Nach 150km auf diesem Bock kann ich aber sagen: Cruisen muss man wollen. Wenn man es will, dann kann es einen heidenspaß machen, geil klingen und super lässig aussehen.

Beim Aufsteigen auf meine Erna fiel mir erst auf wie anders das Fahren auf der Bolt war. Von „Mensch ist der Lenker aber dünn und weit unten“ über „huch, wo sind denn die Rasten, ach da hinten“ bis hin zu „klingt irgendwie nach Rasenmäher“. Dafür ist die Kawasaki aber meine. Die XV950R Bolt nicht, schade irgendwie. Aber wenn ich Entzugserscheinungen habe, kann ich ja mal wieder nach Dohna fahren und sie mir bei Gärtners ausleihen.

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