Messeinterview mit … Sarah Welk

Am ersten Messetag, dem Donnerstag, führte mich einer meiner Wege in Halle 2 zum Stand von arsEdition. Dort am Stand durfte ich die Kinderbuch-Autorin Sarah Welk interviewen. Ich wurde in die Presseecke geführt, bekam ein Glas Wasser serviert und startete mein Gespräch mit einer sehr offenen Autorin, die im Verlaufe des Interviews sehr von einem der wichtigsten Menschen in ihrem Leben, der Oma, schwärmte. Wir entdecken Gemeinsamkeiten – wie die Liebe zu der Kinderbuch-Reihe „Nesthäkchen“ und verstanden uns gut.

Katja: Liebe Sarah, vielen Dank, dass wir uns hier auf der Leipziger Buchmesse zu einem kleinen Interview treffen. Wie geht es Ihnen? Wie haben Sie die ersten Stunden auf der Buchmesse  erlebt?

Sarah: Heute Morgen hatte ich zum allerersten Mal in meinem Leben eine Lesung. Ich war vorher wahnsinnig aufgeregt, nachts habe ich sogar geträumt, mein Buch wäre gestohlen und ich soll die ganzen Geschichten aus den „Ziemlich besten Schwestern“ auswendig aufsagen. In Wirklichkeit hat dann zum Glück aber alles geklappt. Es sind 50 Kinder gekommen und es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, ihnen vorzulesen.

Und jetzt gerade durfte ich noch einmal vier Kindern einer Literaturinitiative ein Interview geben, ich war ganz gerührt, weil die alles so toll vorbereitet hatten. Die Messe selber gucke ich mir dann heute Nachmittag an.

Katja: Sie sind für mich eine Neuentdeckung auf der Buchmesse – und sicherlich auch für einen großen Teil meiner Leser. Daher bin ich natürlich neugierig und würde mich freuen, wenn Sie mir etwas über sich erzählen. Was bringt Sie zur Weißglut und was macht Ihnen besonders viel Freude?

Sarah: Engstirnigkeit treibt mich zur Weißglut. Und besonders viel Freude macht mir Zusammensein mit anderen.

Mein idealer Abend sieht so aus: Wir haben gut gekocht, sind eine große Runde, die Kinder sind dabei und spielen nebenher. Wir essen gut und trinken gut und es ist einfach ein vergnügter Abend, an dem niemand denkt: „Oh, schon zehn Uhr, ich muss ins Bett.“  Ein Abend, an dem es allen gutgeht und wir es uns schön machen – ganz ohne Zeitdruck.

 Katja: Sind sie beim Kochen in der Küche in solchen Momenten dann eher doch alleine oder dürfen die Freunde mit ihnen zusammen in der Küche sein, zusammen kochen?

Sarah: Mein Mann und ich kochen beide gerne zusammen und haben eine offene Küche.  Wir kochen und alle anderen stehen drumherum und trinken und reden.

Katja: Auf ihrer Homepage erzählen Sie, dass ihre Großmutter sehr wichtig für Sie, für ihre Entwicklung und auch für Ihre Liebe zu Geschichten war. Wurde in dem Moment, durch ihre Großmutter, der Grundstein zum Schreiben gelegt?

Sarah: Ja, ohne dass es mir damals bewusst war. Ich habe schon als Kind sehr gerne und viel gelesen. Genau wie meine Großmutter. Für uns beide waren Bücher sehr wichtig. Sie hatte immer allergrößtes Verständnis. Bei meinen Eltern musste ich das Buch zum Essen weglegen. Das fand ich blöd. Wenn mein Buch spannend war, wollte ich nicht am Tisch sitzen, essen und mich unterhalten müssen. Ich wollte weiterlesen! Meine Großmutter hatte dafür großes Verständnis. Sie hat sich dann einfach dazugesetzt und selber gelesen – sie in ihrem Buch und ich in meinem. Das war für mich toll.

Und anschließend hat sie mich dann erzählen lassen. Mir ist erst viel später aufgegangen, dass sie das sehr bewusst gemacht hat! Ich habe als Kind schnell gelesen und sie hat immer gesagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du in diesem Tempo alles verstanden hast.“ Ich war empört! Jedes Mal wieder. Und jedes Mal wieder hat sie sich dann mit mir hingesetzt und gesagt: „Na dann erzählt mal.“ Und dann saßen wir nachmittags da, haben Tee getrunken, meine Großmutter manchmal auch einen Cognac und sie hat mir zugehört.  Hat nachgefragt und sich ernsthaft interessiert. Und dabei war es ihr vollkommen egal, um welches Buch es ging: Hanni & Nanni, Bille und Zottel, Fünf Freunde… Ihr war es wichtig, dass ich die Geschichte erzähle und damit hat sie mir beigebracht, Geschichten zu erzählen.

Katja: Also war die Oma sehr wichtig?

Sarah: Ja, sehr wichtig.

Katja: Dann ist es wie bei mir gewesen. Auch meine Oma hat mir die Liebe zu Büchern mit auf den Weg gegeben. Sie hatte Nesthäkchen in altdeutscher Schrift und irgendwann konnte ich dann das Altdeutsche eher lesen als das „Normale“.

Sarah: Interessant, oder? Ich weiß noch, dass ich Nesthäkchen auch toll fand. Meine Großmutter hat das gar nicht verstanden. Sie war eine fortschrittliche Frau, sehr gebildet. Sie hat mich immer gefragt „Was fasziniert dich nur so an diesen Geschichten, die sind so altmodisch! Und erst das Frauenbild, das da vermittelt wird!“ Und trotzdem fand ich die Geschichten großartig.

Katja: Genauso ging es mir auch. Ich weiß nicht was mich fasziniert hat, es war einfach so. Nesthäkchen war einfach nur toll.

Sie hatten bereits als Kind den Traum, Bücher zu schreiben. Als sie erwachsen waren, haben Sie sich nicht mehr getraut – hatten anderen Berufe und schließlich studiert. War dann der Mut weg? Und haben Sie jemals gedacht „Ich schreibe irgendwann noch mal!“

Sarah: Es kam mir als Kind ganz unerreichbar vor. Die Möglichkeit, selber Bücher zu schreiben, das war ein Traum. Ich habe es mir aber einfach nicht zugetraut. Nach der Schule  hatte ich keinen Plan. Ich bin oft abgebogen, habe viele Umwege genommen – ganz so wie es sich eben ergab. Ich habe angefangen zu studieren und wieder aufgehört weil es nicht so lief. Habe eine Ausbildung gemacht, als Kassiererin gearbeitet. Ich hatte wirklich viele verschiedene Jobs. Das Lesen hat mich immer begleitet, aber das selber schreiben und Geschichten erzählen, war nicht vordergründig. Es war da, aber es war nicht drängend. Ich hatte immer wieder Ideen, die habe ich auf Schmierzettel geschrieben und in einem Karton geschmissen. Irgendwann habe ich dann angefangen als Journalistin zu arbeiten und das habe ich jetzt viele Jahre mit großer Freude gemacht. Vielleicht brauchte die Zeit, das regelmäßige Schreiben als Journalistin. Als ich selber Kinder hatte, habe ich dann gedacht:: So, jetzt versuche ich es. Und wenn es nichts wird, ist es egal.

Katja: Braucht man Mut zum Schreiben?

Sarah: Ich brauchte nicht in erster Linie Mut. Es war am Anfang mehr eine private Sache, ich wollte es einfach probieren. Was ich brauchte, und zwar mehr als ich gedacht hätte, war Disziplin. Es funktioniert für mich nicht so, dass ich warte, bis mich die Muse küsst und dann schreibe ich. Ich brauche ganz klare Strukturen. Ich setze mich um Punkt acht Uhr an den Schreibtisch und dann geht es los.

Und was ich auch unterschätzt habe: Schreiben ist ein sehr einsames Geschäft.  Besonders zu der Zeit als ich noch keine Lektorin hatte, sondern nur für mich selber geschrieben habe, bin ich von Woche zu Woche unsicherer geworden. Geht das überhaupt so? Will das überhaupt jemand lesen? Ist das gut? Ist das lustig? Oder völliger Nonsens?

Und gleichzeitig kommt mir das Schreiben oft gar nicht wie Arbeit vor. Ich sitze da und es geht mit mir durch und ich tippe und lache mich kaputt.

Katja: Sind ihre Kinder mit dabei, wenn sie schreiben? Geben sie Input? Helfen Sie beim „Entwickeln“ der Geschichten?

 Sarah: Ich kann nur schreiben, wenn ich alleine zuhause bin. Wenn die Kinder da sind,  läuft es so: Ich habe einen Satz im Kopf und will ihn aufschreiben und in der gleichen Sekunde fällt jemand vom Schrank oder irgendwer braucht plötzlich Butter, aber die ist leer, Mama! Da kann ich keinen klaren Gedanken fassen.

Ich frage sie aber schon immer wieder um Rat. Wenn ich zum Beispiel nicht weiß: Wie nenne ich dieses Kind? Oder diesen Hund? Dann frage ich sie abends im Bett: „Wie würdet ihr einen Hund nennen, der hundert Kilo wiegt und ganz struppiges Fell hat?“ Und sie haben sehr gute Ideen.

Katja: Sind Kinder kritischere Leser / Zuhörer als die erwachsenen Leser? Was macht den Reiz aus, für Kinder zu schreiben?

Sarah: Ich glaube, Kinder sind ehrlichere und direktere Leser als Erwachsene. Wenn einem Kind eine Geschichte gefällt, dann sagt es das oder man spürt es direkt beim Vorlesen. Weil es dann fasziniert ist, mehr will. Wenn sich Kinder beim Zuhören aber langweilen, werden sie unruhig und halten es nicht aus Höflichkeit aus. Kinder sind direkt, unmittelbar und das ist etwas sehr Schönes.

Katja: Ist das quasi der Anreiz, für Kinder Bücher zu schreiben? Diese ehrliche Reaktion auf das Buch?

Sarah: Ja, das macht den Reiz aus. Und außerdem macht es mir große Freude, mich selbst in die Zeit zurückzuversetzen als ich Kind war und einfach noch einmal kindliche Sachen zumindest in der Fantasie zu erleben. Wenn ich dann merke, es klappt, ich berühre etwas in den Kindern, habe ich mein Ziel erreicht.

Katja: Wie lange dauerte es von der Idee über das Manuskript bis hin zum fertigen Buch?

Sarah: Für ein Kapitel der „Ziemlich besten Schwestern“ brauche ich etwa ein bis zwei Wochen, pro Band also sechs bis acht Wochen. Vom Manuskript bis zum fertigen Buch ist es dann aber noch mal ein langer Weg – es dauert etwa ein bis eineinhalb Jahre, bis es fertig lektoriert, illustriert und gedruckt ist.

Katja: Oh, das ist ja dann doch sehr lange.

Sarah: Ja, das war für mich auch ganz neu.

Katja: Ist man stolz darauf, wenn mein sein Buch hier so auf der Messe stehen sieht?

Sarah: Ja. Das ist ein ganz besonderes Gefühl, es ist für mich ein Lebenstraum, der sich erfüllt hat. Darüber freue ich mich sehr und bin auch stolz auf mich selbst.

Katja: Wo waren Sie, als DER Anruf kam mit der Nachricht: Es wird gedruckt!

Sarah: Zu Hause. Ich war zu Hause, dann hat meine Agentin mich angerufen und gefragt „Sitzt du?“. „Nein.“ „Dann setz dich mal.“ Also hab ich mich hingesetzt und dann hat sie es mir erzählt. Ich war total aus dem Häuschen, ich war wie ein Kind. Ich habe gejubelt und geschrien und habe mich einfach nur gefreut.

Katja: Also war es keine stille Freude sondern ein „Ich muss es jemandem erzählen, in die Welt hinaus brüllen.“?

Sarah: Ja, klar, sofort. Ich habe sofort meinen Mann angerufen, meine Eltern, meine Brüder, meine Freunde.  Ich musste die Freude einfach teilen.

Katja: Gibt es schon ein neues Projekt und wenn ja, wollen Sie uns noch etwas darüber erzählen?

Sarah: Im April erscheint ebenfalls bei ars Edition „Sommer mit Opa“ für Kinder ab 9. Das ist ein Roman über zwei Kinder, die mit ihrem Hippie-Opa in einem alten VW-Bus unterwegs sind.

Im Juni startet eine weitere Serie, die sich um einen Jungen namens Lasse dreht. „Lasse in der ersten Klasse“ kommt am 18.6. in den Handel und am 16.8. dann Teil zwei: „Lasse hat Geburtstag“.

Und im Herbst erscheint außerdem der dritte Band der „Ziemlich besten Schwestern“.

Katja: Und zu guter Letzt eine Frage, die jeder Autor in meinen Interviews gestellt bekommt: Auf meinem Blog geht es ja nicht nur um Bücher sondern auch um mein zweites Hobby, das Kochen und Backen. Hast Du ein Lieblingsrezept, welches Du mit mir und meinen Lesern teilen möchtest?

Sarah: Das ist ein Rezept meiner Urgroßmutter. Sie hat es an meine Großmutter weitergegeben, meine Großmutter an meine Mutter, meine Mutter an mich. Meine Urgroßmutter hatte fünf Kinder und deshalb wenig Zeit. Deshalb hat sie den „schnellsten Kuchen der Welt“ erfunden. Lustig finde ich: Das einzige, was sich über die Generationen verändert hat, ist der Zuckeranteil.

Ich denke, für mein erstes Interview, das im Trubel der Messe geführt wurde, es ist ein schönes Interview geworden. Mit einem guten Gefühl und dem signierten Buch „Ziemlich beste Schwestern – So ein Affentheater!“ verließ ich den Stand und freue mich nun auf Lesezeit zu Hause. Schließlich bin ich gespannt, was die ziemlich besten Schwestern so alles anstellen werden.

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