Türchen 20: Weihnachten auf dem Bauernhof

Wer kennt es nicht, das schreibende Ehepaar Iny und Elmar Lorentz. Ich kenn die beiden schon viele Jahre und freue mich jedes Jahr aufs Neue wenn wir uns auf der Leipziger Buchmesse über den Weg laufen und ein paar wenige Minuten zusammen plauschen können. Dieses Jahr war Elmar so lieb und hat mir seine Erinnerungen an Weihnachten auf dem Bauernhof extra für meinen Blog aufgeschrieben.

Weihnachten auf dem Bauernhof

In meiner Jugend, die zugegebenermaßen schon ein paar Jahrzehnte zurückliegt, war Weihnachten neben Ostern das größte Kirchenfest auf dem Land. Zudem fand es zu einer günstigen Zeit statt. Die Feldarbeit war für das Jahr eingestellt worden und trotz gewisser Ausbesserungsarbeiten auf dem Bauernhof besaß man die Muße, sich auf das Christfest vorzubereiten.

Bereits etliche Monate vorher suchte man im Wald eine schöne Fichte für den Christbaum aus, bevorzugt im Gehölz des Nachbarn, da dort immer die schöneren Bäume wuchsen. Eine gute Woche vor dem Heiligen Abend schritt man schließlich zur Tat. Unangenehm war es, wenn zu dem Zeitpunkt bereits Schnee lag, weil man die Spuren des Christbaumdiebes in dem Fall leicht nachvollziehen konnte. In diesem Fall blieb nicht anderes übrig, als doch einen Alternativbaum im eigenen Wald zu schlagen.

Während der Bauer für den Baum sorgte, machten die Frauen in den Küchen Überstunden, um Plätzchen, Lebkuchen und Stollen zu backen. Für das Gebäck mussten die Frauen besonders gut auf die Zeit achten, denn zu frisch schmeckten die Sachen noch nicht und zu alt nicht mehr. Auf Höfen, die noch das Brennrecht hatten, wurde in der Zeit Schnaps gebrannt und anderswo Hagebuttenwein angesetzt. Es sollte ja schließlich an den Festtagen schmecken.

Während die Töchter nach alter Sitte den Müttern beim Backen halfen, wurde der männlichen Jugend die Obhut über die Weihnachtskrippe übertragen. Jeder Hof besaß seine eigene Krippe, die im Kern zumeist sehr alt war und immer wieder mit oft sehr unterschiedlichen, zugekauften Figuren ergänzt wurde. Der Stall, der Stern von Bethlehem, und einige andere Gegenstände wurden auf jeden Fall selbst gebastelt und sahen daher auch mehr alpenländisch als orientalisch aus. Sie waren aber meistens sehr hübsch. Auch meine Eigene was es, obwohl die Figuren der Heiligen drei Könige die von Maria und Josef um gut die Hälfte überragten.

Wenn alle Vorbereitungen getroffen waren, begann das Warten auf den Heiligen Abend. War dieser endlich angebrochen, wurden die jüngeren Kinder unruhig und konnten den Abend kaum mehr erwarten. Ihre älteren Geschwister taten geheimnisvoll und erzählten hinter vorgehaltener Hand, dass sie das Christkind im letzten Jahr gerade noch zum Fenster hinausflitzen gesehen hätten. Santa Claus hielt sich damals noch in Amerika auf und dachte nicht daran, durch die hiesigen Schornsteine zu klettern. Er wäre wahrscheinlich dort in der Räucherkammer gelandet und nicht eher weitergezogen, bevor er ein großes, saftiges Stück Rauchfleisch verzehrt hätte. Statt seiner tauchte am 06.12. der heilige Nikolaus samt Knecht Rupprecht, dem Krampus und einer Rute auf, die ‚böse‘ Kinder doch das eine oder andere Mal zu spüren bekamen. Heutzutage würden die drei wahrscheinlich gleich nach dem ersten Einsatz wegen Kindesmisshandlung in Untersuchungshaft kommen.

Aber zurück zu Weihnachten. Der Tag begann ganz normal mit der Stallarbeit. Zu Mittag gab es aber stets ein spezielles Essen nach der jeweils häuslichen Tradition. Beim Nachbarn waren es Bratwürste, bei uns Linsensuppe. Zu dieser nehme man Knoblauch nach Belieben, eine Zwiebel, eine Kartoffel, eine Karotte, eine ausreichende Menge Linsen und genug Speck, der nicht zu fett sein sollte. Während die Linsen kochen, werden Knoblauch, Zwiebel, Kartoffel, eine Karotte sowie der Speck angebraten und später hinzugegeben. Danach schmecke man es mit Salz, Pfeffer und Muskat ab und gebe zuletzt einen Schuss guten Weinessigs hinzu. Wenn es nicht schmeckt, sind entweder die Linsen noch nicht durch, war der Speck zu fett oder man hat zu viel Essig hineingeschüttet. Bei uns hat die Linsensuppe jedenfalls immer geschmeckt.

Am Nachmittag kam für die kleineren Kinder die härteste Zeit. Sie mussten warten, bis es dunkel wurde, und das dauerte meistens sehr, sehr lange! Für die Erwachsenen hieß es, die abendliche Stallarbeit zu verrichten. Damit auch die Tiere etwas vom Weihnachtsfest hatten, wurde eine Handvoll Kraftfutter mehr vorgestreut und es gab zusätzlich Rübenschnitzel oder ein paar Möhren für die Tiere.

Im Wohnzimmer wurde unterdessen von den Frauen und älteren Kindern der Baum geschmückt, die Krippe aufgebaut, und die Geschenke bereitgelegt. Die kleineren Kinder waren dabei ausgesperrt und wehe, eines versuchte, heimlich ins Wohnzimmer zu spähen. Dann kam rasch die Drohung, das Christkindl habe heuer nichts für das entsprechende Kind mitgebracht. Natürlich hatte es etwas gebracht, aber die Abschreckwirkung hielt zu große Neugiersnasen dann doch zurück.

War dann das Vieh versorgt und die Dunkelheit der Winternacht hereingebrochen, öffnete sich die Tür der guten Stube und die Kinder durften endlich zu ihren Geschenken. Auch für die älteren Kinder und die Erwachsenen fanden sich Pakete. Neben Kleidungsstücken und anderen Sachen, die man im Leben braucht, gab es auch ganz spezielle Geschenke, eine Schachtel Zigarren oder eine Flasche Schnaps für den Bauern, Pralinen für die weiblichen Mitglieder des Haushaltes und für die Kinder oft Bücher, die sie sich schon lange gewünscht hatten.

Das Auspacken der Geschenke dauerte seine Zeit, die mit dem Naschen von Plätzchen, einen Schnaps bei den erwachsenen Männern, und ein Gläschen Wein bei den Frauen überbrückt wurde. Man sang Lieder wie stille Nacht, Heilige Nacht und freute sich über ein schönes Weihnachtsfest.

Doch noch war der Heilige Abend noch nicht vorbei. Die Gegend war sehr katholisch und da gehörte der Besuch der Christmette zur Tradition. Etliche Bauern besaßen in jener Zeit bereits ein Auto, doch wenn Schnee lag, wurden auf den Höfen, bei denen es noch möglich war, die Schlitten aus der Remise herausgeholt und die Pferde vorgespannt. Mit Fackeln oder Laternen war es ein stimmungsvolles Bild, die Gespanne in Richtung Kirche fahren zu sehen.

Erst nach der Christmette gab es das Abendessen. Da es schnell gehen musste, wurden zumeist Weißwürste gekocht und mit Brezen gegessen. Ein Glas Bier und der eine oder andere Schluck Wein oder Schnaps gehörten dazu, und der Bauer steckte sich eine der geschenkten guten Zigarren an, die es außer zu Weihnachten nur noch an seinem Geburtstag gab. Zu später Stunde ging es dann ins Bett und der Heilige Abend neigte sich seinem Ende zu.

Wenige Jahre später gab es auf den Bauernhöfen der Umgebung keine Pferde mehr, und der Weg zur Christmette wurde nur noch mit dem Auto zurückgelegt. Man sang auch nicht mehr so oft die Weihnachtslieder selbst, sondern schaltete den Kassettenrekorder ein. Selbst die einheimischen Fichten wurden durch gekaufte Nordmanntannen ersetzt. Im Lauf der Zeit wurden Plätzchen, Lebkuchen und Stollen vielerorts auch nicht mehr selbst gebacken, sondern gekauft und die Kinder knabberten sich beim Warten aufs Christkind nicht mehr die Fingernägel ab, sondern saßen vor der Glotze … äh, dem Fernsehgerät und sahen zu, wie das Christkind und Sankt Nikolaus immer mehr von einer rot gewandeten Werbeikone aus den USA verdrängt wurde.

Ich will nicht sagen, dass Weihnachten früher wirklich schöner war. Weniger hektisch als heutzutage war es jedoch allemal.

Trotzdem wünsche ich euch allen frohe Weihnachten, schöne Geschenke und ein wenig Besinnung auf euch selbst.

Elmar Lorentz

*** GEWINNSPIEL ***

Iny und Elmar haben mir, für meinen Adventskalender und damit für Euch, ein signiertes Exemplar des Buches „Die steinerne Schlange“ für ein kleines Gewinnspiel zur Verfügung gestellt.
Was ihr dafür tun müsst?
Wir wollen von Euch wissen, was eure schönste Weihnachtserinnerung ist. Schreibt uns hier bis zum 26. Dezember einen Kommentar und ihr wandert in den Lostopf.

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2 Responses to Türchen 20: Weihnachten auf dem Bauernhof

  1. Claudia Mengel sagt:

    Mein Opa hat früher den Nikolaus „gegeben“, als ich so ca. 3 Jahre alt war. Da er mal einen Unfall hatte, und ihm ein Finger fehlte, hatte er die Lederhandschuhe meiner Oma an.
    Ich habe mich dann nur noch darauf konzentrieren können, dass der Nikolaus die Handschuhe von Oma trägt und woher er diese denn wohl hat und was Oma nun ohne ihre Handschuhe macht, dass der Nikolaus völlig nebensächlich für mich war.
    Da erzählen wir heute noch von.

  2. Anja sagt:

    Guten morgen,
    meine schönste Weihnachtserinnerung? puh, an früher kann ich mich ehrlich gesagt nicht mehr erinnern. und in der Jugnedn war das Weihnachtsfest immer schön für mich. Aber eine spezielle Erinnerung hab ich ehrlich gesagt nicht.
    Ganz liebe Grüße
    Anja vom kleinen Bücherzimmer

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