Türchen 6: Frag den Wind, kleine Flocke! von Anja Schenk

Zum Nikolaustag habe ich etwas ganz besonderes für Euch: eine kleine Schneeflockengeschichte der Kinderbuchautorin Anja Schenk. Entstanden eher durch ein Zufall – ich fragte Anja nach einem Beitrag für meinen Blog – enstand diese süße Geschichte. Anja lies sie dann noch illustrieren und nun erschien vor 3 Tagen die Geschichte als kleines Buch. Ich darf sie dennoch hier abdrucken und freue mich sehr darüber. Vielen Dank liebe Anja 🙂

Frag den Wind, kleine Flocke! von Anja Schenk

Schneeflocken fallen vom grauen Himmel. Es ist eiskalt. Ein kräftiger Wintersturm wirbelt die Flocken durcheinander. Schschsch … Als der Wind weg ist, versammeln sich die Schneeflocken wieder, aber eine fehlt. Die kleine Flocke irrt umher und dreht sich atemlos im Kreis. Sie weiß gar nicht mehr, wo oben und unten ist. „Wo sind denn die anderen?“, fragt sich die kleine Schneeflocke. „Gerade waren sie doch noch da.“ Über ihr ist der Himmel blau und wolkenlos und auch der Wind ist verschwunden. Sie schaut ringsum, aber sie ist die einzige Schneeflocke in der Luft. Ihr Bauch fühlt sich plötzlich flau an, als wäre da ein Riesenloch. „Das war so gemein vom Wind, mich hier ganz allein hinzupusten“, grummelt die Schneeflocke.

Eine Kohlmeise rauscht heran. „Aus dem Weg!“, ruft sie. „Hast du die Schneeflocken gesehen?“, fragt die Flocke. „Keine Zeit, keine Zeit“, antwortet die Kohlmeise. „Ich muss Vorräte sammeln, sonst haben wir bald nichts mehr zu fressen. Frag den Wind, er ist hilfsbereit. Im Sommer weht er immer kleine Insekten zu uns, damit wir was zu fressen haben. Wird Zeit, dass Frühling wird!“

„Aber im Frühling schmelze ich!“, ruft die kleine Schneeflocke. „Den Wind mag ich nicht fragen, der ist gemein!“ „Dann frag den Schneemann da unten, der kennt sich mit Schneeflocken aus. Schönen Tag noch!“, zwitschert die Kohlmeise und fliegt weg.

Am blauen Himmel zeigt sich ein feiner Sonnenstrahl. Die Schneeflocke beginnt zu schwitzen. „Ist das etwa schon der Frühling?“, denkt sie. Seufzend schwebt sie auf die Möhrennase des prächtigen Schneemannes. „Hast du die anderen Schneeflocken gesehen?“, fragt sie. Der Schneemann schielt auf seine Nase und antwortet: „Ich hab jede Menge Schneeflocken an mir. Such dir welche aus!“ Die Schneeflocke betrachtet ihn schüchtern von oben bis unten. „Diese Flocken hier kenne ich nicht. Ich meine die Flocken, mit denen ich aus der dicken Wolke gefallen bin.“ „Da musst du den Wind fragen, der sieht alles. Bestimmt weiß er, wo deine Flockenfreunde sind.“ „Bloß nicht, der Wind ist gemein!“ Die Flocke schüttelt sich bei dem Gedanken.

„Ha-ha-hatschieee!!!“ Der Schneemann niest so kräftig, dass ihm der T opf vom Kopf rutscht und die Schneeflocke mit Schwung weggeschleudert wird.

Sie landet auf einem Tannenzweig, auf dem Eiskristalle glitzern. Die Eiskristalle bewundern gegenseitig ihre kunstvoll verzweigten Zacken. Zaghaft fragt die Schneeflocke: „Tschuldigung, aber habt ihr meine Familie gesehen? Der gemeine Wind hat uns getrennt.“

„Tz … Sehen wir so aus, als ob wir uns mit gewöhnlichen Schneeflocken abgeben würden? Komm wieder, wenn du ein Eiskristall geworden bist.“ Sie fangen an zu lachen. Ihr Lachen klirrt in der Luft, es hört sich an, als würde Glas zerspringen und ein Glassplitter sich tief in das Herz der kleinen Schneeflocke bohren. Die kleine Flocke schnappt nach Luft und spürt Tränen aufsteigen. „Außen seid ihr vielleicht schön, aber im Herzen seid ihr hässlich“, ruft sie. „Hast du uns gerade hässlich genannt?“, fragen die Eiskristalle und funkeln die Schneeflocke böse an. Die Schneeflocke versucht ihren spitzen Zacken auszuweichen, aber sie verliert den Halt und purzelt kopfüber vom Tannenzweig herunter in ein Nest hinein.

Hier hält das Eichhörnchen seine Winterruhe. Die Schneeflocke krabbelt zu ihm hin, springt vor ihm auf und ab und zupft an seinen Barthaaren. „Wach auf! Ich brauche deine Hilfe, um meine Familie zu finden.“

„Ich kann nicht. Ich bin so müde. Lass dir vom Wind helfen, der sorgt im Sommer immer für schöne Abkühlung und kennt jeden“, nuschelt es verschlafen. Allein bei dem Gedanken an den Sommer muss die Schneeflocke schwitzen. „Aber der Wind ist doch schuld, dass ich meine Familie verloren hab!“ Doch das Eichhörnchen dreht sich nur um und fegt mit seinem buschigen Schwanz die kleine Schneeflocke vom Baum.

„Uaaahhh!“ Sie wirbelt durch die Luft, bis sie schließlich auf einer roten Decke landet. Die Decke fühlt sich warm und kuschelig an und die kleine Schneeflocke spürt, wie sie ganz weiche Knie bekommt. „Wenn ich meine Familie nicht wiederfinde und im Frühling sowieso schmelzen muss, dann ist alles sinnlos!“, schluchzt sie.

Doch tatsächlich ist die rote Decke der Handschuh eines besonders aufmerksamen Mädchens. „Du bist aber schön“, sagt Lilly, als sie die kleine Flocke entdeckt. „Bist du ganz alleine hier?“ „Ja. Der gemeine Wind hat mich einfach weggeweht und jetzt finde ich mein e Flockenfamilie nicht wieder“, jammert die Schneeflocke traurig. Ihre Stimmung ist griesgramgrau.

„Ich mag den Wind“, sagt Lilly. „Er macht tolle Wellen im Meer und lässt im Herbst die Drachen steigen. Er hat dich bestimmt nicht mit Absicht von deiner Familie getrennt. „Dann ist der Wind gar nicht gemein?“, fragt die Flocke. Lilly schüttelt den Kopf. „Der Wind wird dir sicher helfen und dich zurück zu deiner Familie bringen. Der Wind war schon überall auf der Welt. Vielleicht kennt er einen Ort, wo der Schnee niemals schmilzt.“

„Niemals schmelzen? Das klingt super“, denkt die Schneeflocke, der es auf Lillys Hand langsam zu warm wird. „Wie finde ich denn den Wind?“, fragt die kleine Flocke. „Das ist ganz einfach. Immer der Nase nach!“, sagt Lilly und pustet die Schneeflocke mit Schwung in Richtung Himmel. „Machʼs gut, kleine Flocke!“, ruft Lilly und winkt ihr zum Abschied hinterher.

Die Schneeflocke saust in den blauen Himmel und nach und nach wird es immer nebliger um sie herum. Der Wind muss hier irgendwo sein. „Hallo Wi-hind!“, ruft sie so laut sie kann bis ihr Hals kratzt. Es beginnt zu wehen. Erst leicht, dann immer stärker.

„Hat jemand gerufen?“, dröhnt der Wind plötzlich mit seiner tiefen Stimme von oben. Die Schneeflocke erschrickt. „Wegen dir hab ich meine Familie verloren und wäre beinah geschmolzen“, schimpft die kleine Flocke. „Tut mir wirklich leid, das war keine Absicht. Es macht einfach so viel Spaß, um die Häuser und Bäume zu sausen und alles durcheinanderzuwirbeln.“ „Das kann ich verstehen“, sagt die Schneeflocke und denkt daran, wie gerne sie mit ihrer Familie herum gewirbelt ist. „Ich wollte dich nicht von deiner Familie trennen. Kann ich das irgendwie wieder gut machen?“, fragt der Wind.

„Kannst du mich zu meiner Familie zurückbringen und uns an einen Ort pusten, wo wir nie schmelzen müssen?“, fragt die Flocke. Der Wind nickt, bläht seine Backen auf und pustet kräftig in eine dicke graue Wolke hinein. Hunderte Flocken tummeln sich am grauen Himmel. Ein dichter Schneeflockenschwarm! Ihre Schneeflocken! „Da bist du ja wieder! Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt? Wir haben dich überall gesucht“, rufen die Flocken aufgeregt durcheinander und die Schneeflocke lacht.

„Gute Reise, kleine Flocke!“, ruft der Wind und bläst den Flockenschwarm über das Meer bis an den Nordpol.

ENDE

Hat Euch diese Geschichte gefallen? Wenn ihr von ihr genauso begeistert seit wie ich und wenn ihr noch dazu die liebevollen Illustrationen bestaunen wollt, könnt ihr das Büchlein direkt bei Anja Schenk für 4,95 Euro zzgl. Porto bestellen. Dafür einfach auf ihre Homepage gehen 🙂

 

*** GEWINNSPIEL ***

Findet ihr Schnee auch so wunderschön? Fahrt ihr gern Schlitten oder Ski? Was macht ihr gerne, wenn es das erste Mal geschneit hat und was sind eure schönsten Wintererinnerungen?

Schreibt uns bis zum 12. Dezember hier per Kommentar oder in einer Mail an an katjas.buecherundrezepte(at)gmail.com eure Gedanken und ihr wandert in den Lostopf 🙂 

Zu gewinnen gibt es – mit freundlicher Unterstützung der Random House Verlagsgruppe – 1 Exemplar des Buches „Wintersterne“ von Isebelle Broom

 

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2 Responses to Türchen 6: Frag den Wind, kleine Flocke! von Anja Schenk

  1. Susanne Brom sagt:

    Hallo liebe Katja, seit ich nicht mehr bei DHL arbeiten muss und folglich auch nicht mehr zwangsläufig 10 Stunden in Kälte und Schnee draußen sein muss, freue ich mich über den Schnee viel mehr 😉 Ich finde eine Schneelandschaft so wunderschön, weil alles so sauber und friedlich aussieht. Wenn dazu noch die Sonne glitzert, bin ich gerne dick eingepackt draußen und genieße es. Liebe Grüße Susan

  2. Anja sagt:

    Guten morgen,
    ich mag Schnee, wenn er fest und knirschend ist. Und ds Licht dabei so flimmerich ist.
    Ganz liebe Grüße
    Anja vom kleinen Bücherzimmer

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