Kennt ihr diese riesigen Wohnblöcke, die in fast jeder größeren Stadt stehen? Diese echten „Wohnsilos“, in denen Hunderte Menschen Tür an Tür leben, sich auf engstem Raum stapeln und sich am Ende doch überhaupt nicht kennen. Man nickt sich im Fahrstuhl vielleicht mal flüchtig zu, aber im Grunde kocht jeder stur sein eigenes Süppchen. Genau in so ein Großstadt-Biotop entführt uns Tanja Kokoska in ihrem Roman „Guten Morgen, schönes Wetter heute“.
Mitten drin im anonymen Trubel: Ina. Sie ist alleinerziehend, Ende vierzig und schlägt sich gemeinsam mit ihrem Sohn Henry durch den Alltag einer Siedlung, in der das Nebeneinander-her-Leben absolute Perfektion erreicht hat.
Ich muss ehrlich zugeben: Das Buch und ich hatten deutliche Startschwierigkeiten. Obwohl der Roman gefühlt überall in den höchsten Tönen gelobt wird, fiel mir der Einstieg unheimlich schwer. Der Schreibstil und ich wurden einfach keine Freunde. Der Sprachrhythmus wirkte auf mich streckenweise sehr blumig und – sagen wir es charmant – ein wenig aufgeblustert. Ich brauchte definitiv ein paar Kapitel, um mich an diesen ganz eigenen Ton zu gewöhnen.
Wer aber durchhält, wird belohnt! Nach den ersten Hürden hat mich die Geschichte im Mittelteil nämlich richtig gepackt. Das liegt vor allem an den wunderbaren Charakteren. Die Bewohner des Blocks sind unglaublich warmherzig und detailreich gezeichnet. Die Autorin schafft es hervorragend, die verschiedenen persönlichen und kulturellen Hintergründe lebendig einzufangen.
Man nimmt den Figuren ihre völlig unterschiedlichen Lebensentwürfe, die kleinen und großen Träume und auch die schmerzhaften Erfahrungen jederzeit ab. In dem Buch schwingt einfach eine Menge mit:
- Große Sehnsucht: Nach Zuneigung und Liebe.
- Echter Zusammenhalt: Der Wunsch nach Gemeinschaft.
- Spürbare Empathie: Ein echtes Miteinander im Alltag.
Dank einer kräftigen Portion feinem Humor entwickelte sich die anfänglich zähe Lektüre plötzlich zu einem Buch, dem ich richtig gerne mein Herz geschenkt habe.
Leider hält die Begeisterung nicht bis zur letzten Seite an. Zum Ende hin hat die Geschichte für mich wieder spürbar nachgelassen. Schon während des Lesens beschlich mich immer wieder das leise Gefühl, dass die schöne Botschaft der Story ein bisschen zu sehr gewollt ist.
Dass aus einer anonymen Nachbarschaft eine eingeschworene Gemeinschaft wird, ist ein wunderschöner Gedanke. Im Finale wirkte diese Verwandlung auf mich jedoch arg konstruiert. Das wurde zum Schluss leider so offensichtlich, dass der Zauber der Geschichte ein wenig verflogen ist.
Unter dem Strich bleibt „Guten Morgen, schönes Wetter heute“ ein Roman, der definitiv zum Nachdenken anregt und wichtige Fragen über unser Zusammenleben stellt. Wer über ein paar sprachliche Schnörkel zu Beginn und ein etwas zu gewolltes Happy End hinwegsehen kann, findet hier dennoch eine berührende Geschichte mit viel Herz. Für mich hat das Buch auf den letzten Metern leider einfach zu viel Potenzial verschenkt.
Daten:
Autorin: Tanja Kokoska
Titel: Guten Morgen, schönes Wetter heute
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Erscheinungsdatum: 18. Juni 2026
Seitenanzahl: 352 Seiten
ISBN: 978-3-423-28562-9