Zeitreise in meine Heimatstadt: Warum mich dieser Dresden-Krimi trotz Startschwierigkeiten fasziniert hat
Ein historischer Krimi, der in meiner Heimatstadt Dresden spielt und von einem Dresdner Autor geschrieben wurde? Das ist für mich schon fast eine sichere Kaufentscheidung! Als ich dann im Klappentext noch las, wer sich in die Ermittlungen einmischt, war es endgültig um mich geschehen.
Einstieg und Atmosphäre
Durch den flüssigen Schreibstil von Frank Goldammer, seine wunderbar plastischen Beschreibungen des historischen Dresdens und die lebendige Charakterisierung der Figuren war ich sofort in der Geschichte gefangen – und das, obwohl ich die Vorgängerbände gar nicht kenne. Der Einstieg wird Lesern wirklich leicht gemacht. Einen fesselnden Schreibstil hat der Autor definitiv drauf.
Dresden im ausgehenden 19. Jahrhundert zu erleben, war für mich etwas ganz Besonderes. Der Lerneffekt bei diesem Buch war für mich überraschend hoch: Ich habe viel über „meine“ Stadt erfahren, was ich bis dato noch nicht wusste. Manche Details haben mich so verblüfft, dass ich sie selbst noch einmal nachrecherchiert habe.
So wusste ich zum Beispiel nicht, dass das Kreuzgymnasium – das heute gleich bei mir um die Ecke liegt – früher an einem ganz anderen Standort stand. Auch dass der Lieblingsschriftsteller meiner Kindheit, Karl May, damals gerade einmal 600 Meter von meiner Wohnung entfernt gelebt hat, war mir neu. Das Haus, in dem er von April 1883 bis zum Frühjahr 1884 wohnte, ist sein einzig erhaltene Wohnsitz in Dresden. Es trägt heute eine Gedenktafel und besitzt sogar immer noch einen eigenen Briefkasten!


Kritikpunkte: Charaktere und Finale
Die Charaktere des Buches konnten mich allerdings nicht ganz abholen. Allen voran der Ermittler Gustav Heller. Ich mag es eigentlich, wenn Figuren ihren eigenen Stil haben, unangepasst sind und Ecken und Kanten zeigen. Heller war mir jedoch schlicht unsympathisch. Das lag vor allem an seiner Art, wie er mit seinen Mitmenschen umgeht – völlig egal, ob es sich um Kollegen, Vorgesetzte, Täter, Opfer oder die eigene Familie handelt. Er gefällt sich in der Rolle, über den Dingen zu stehen, was mir beim Lesen missfallen hat. Ein kleiner Dialog im Buch beschreibt seine distanzierte, oft arrogante Sichtweise besonders gut:
»Mutig war er, aber nicht dumm«, sagte Frau Zimmerling. Heller schwieg dazu. Denn junge Männer, wusste er, waren manchmal dümmer, als man glaubte, und verwechselten das mit Mut.
Diese kühle Art konnten dann leider auch die anderen Figuren nicht mehr ausgleichen.
Ein weiterer Schwachpunkt war für mich die Auflösung des Falls und das damit verbundene Finale. Hier blieb ich etwas irritiert zurück, da es für mein Empfinden keinen echten, handfesten Beweis gab. Da das Buch durch viele parallele Handlungsstränge streckenweise ohnehin etwas in die Länge gezogen wirkte, hatte das Ende für mich den Anschein, als hätte man nun krampfhaft einen Schlusspunkt setzen müssen. [1]
Mein Fazit
Bewertung: ⭐⭐⭐☆☆ (3 von 5 Sternen)
Kurz und gut: Das Buch punktet bei mir weniger durch die Charaktere oder eine durchgehend packende Story, sondern vor allem mit dem grandiosen Setting. Die Beschreibungen von Dresden im ausgehenden 19. Jahrhundert, der damaligen Lebensweise, der Gesellschaft und der Standesdünkel sind absolut gelungen. Auch der Einblick in die historische Polizeiarbeit ist – gerade im Vergleich zu modernen Crime-Serien – extrem spannend und lesenswert.
🗒️ AUF EINEN BLICK
- Titel: Die Bestie von Dresden (Gustav Heller, Band 3)
- Autor: Frank Goldammer
- Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
- Seiten: 368 Seiten
- ISBN-13: 978-3-423-44933-5
- Bewertung: ⭐⭐⭐☆☆