Der Titel Die Hummerfrauen war mir schon des Öfteren in Buchempfehlungen oder Gesprächen begegnet, als ich mir die Karte für die Lesung im Haus des Buches kaufte. Gelesen hatte ich den Roman bis zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht, und auch die Autorin Beatrix Gerstberger war mir bis dahin kein Begriff. Umso neugieriger und voller Vorfreude nahm ich im kleinen Café in der dritten Etage von Dresdens vermutlich größter Buchhandlung Platz. Das Café war etwa zu zwei Dritteln gefüllt; einige Stühle blieben zwar frei, doch das Publikum zeigte sich altersmäßig bunt gemischt – wenngleich Frauen eindeutig dominierten.
Die Entstehungswelt der „Hummerfrauen“
Beatrix Gerstberger nahm die Zuhörerschaft mit auf eine literarische Reise an die raue Atlantikküste von Maine (USA). Sie schilderte, wie sie im Jahr 2002 – nach dem Tod ihres Partners und mit ihrem dreijährigen Sohn im Gepäck – inspiriert von früheren USA-Aufenthalten und ihrer Zeit als Redakteurin bei der Zeitschrift Brigitte ein großes, gelbes Haus direkt am Hafen eines kleinen Hummerfischerdorfes fand. Der reale Ort Stonington auf Deer Island diente hierbei als Vorbild, wo sie damals knapp ein halbes Jahr lebte.
Obwohl sie vor Ort zunächst kaum weibliche Kapitäninnen antraf, ließ sie das Thema nicht los. Nach rund zehn intensiven Interviews im Jahr 2017 mit zugezogenen Frauen, die an der Küste Maines einen radikalen Neuanfang gewagt hatten, reifte in ihr schließlich die Idee, diese schicksalhaften Lebensgeschichten in Romanform zu verarbeiten.

Inhaltliche Einblicke in die Romane
Im Zentrum des Geschehens steht eine enge Wahlfamilie aus drei Frauen: die junge Mina, Julie und Ann. Während Ann im ersten Buch stirbt, bleibt sie im Nachfolgerband Hummerjahre durch atmosphärische Rückblicke präsent. Die Charaktere zeichnen sich durch Ecken, Kanten und eine liebevoll-derbe Sprache aus, die einen tiefen gegenseitigen Respekt und Zusammenhalt widerspiegelt.
Besonders die oft übergriffige und strenge Mutter Judith nimmt im zweiten Band überraschend viel Raum ein. Die Autorin verriet, dass sich Judith beim Schreiben gewissermaßen selbst in das Buch gedrängt hat. Auf Eagle Island (inspiriert von der Insel Isle au Haut) wird sie schließlich mit ihrer eigenen Vergangenheit, der Pflege ihres kranken Ehemanns und ihren Schuldgefühlen konfrontiert, was sie weicher und nahbarer werden lässt.
Auch Minas schicksalhafte Liebesgeschichte zu Sam – symbolisch verbunden durch eine Adlerfeder – sowie die warmherzige Nebenfigur Ellis prägen das Geschehen. Die Bücher leben von einer ruhigen Erzählweise, die sich Zeit für Trauer, Vergangenheitsbewältigung und Neuanfänge nimmt, ohne die Leserschaft niedergedrückt zurückzulassen. Zudem baut die Autorin eine sensible historische Reminiszenz an die indigenen Ureinwohner der Region ein.
Hintergrundfakten zum Handwerk und zur Recherche
Ein zentrales Motiv in der Geschichte ist der extrem seltene blaue Hummer namens Mr. Darcy, den die Figur Ann wie ein Haustier hält. In Maine ist statistisch gesehen nur etwa jeder zweimillionste Hummer blau, was Beatrix Gerstberger aus eigener Anschauung verarbeitete und mit einer feinen literarischen Anspielung auf Jane Austens Stolz und Vorurteil verknüpfte.
Ergänzend berichtete die Autorin detailreich aus dem harten Fischeralltag. Sie erläuterte die jährlichen Häutungen der Tiere, die eiskalten Winter an der Küste und die Praxis der Fischer, ihre Fallen im Spätherbst einzuholen, wenn die Hummer in tiefere und wärmere Gewässer wandern.

Abschluss, Gedanken und Fazit
In der anschließenden Fragerunde ging Beatrix Gerstberger auf die geografischen Vorbilder der Schauplätze, die Symbolik der Adlerfeder sowie die unterschiedliche Wahrnehmung ihrer Figuren durch verschiedene Altersgruppen ein. Auf die Frage aus dem Publikum nach einer Fortsetzung antwortete die Autorin schmunzelnd, dass die Geschichte für sie nun auserzählt sei und sie bereits an einem Roman über ein völlig neues Thema arbeite.
Als ich die Buchhandlung schließlich mit einem signierten Exemplar für meine Freundin Sylvia verließ und in der Straßenbahn nach Hause fuhr, ließ ich den Abend noch einmal Revue passieren. Das Zusammenspiel zwischen der Moderatorin und der Autorin funktionierte leider nicht wirklich flüssig – Souveränität sieht sicherlich anders aus. Die Moderatorin wirkte stellenweise nervös und unsicher, fast so, als wäre sie kurzfristig und ohne große Vorbereitung in diese Rolle gedrängt worden, obwohl sie das Buch offensichtlich gelesen hatte.
Doch das bleibt letztlich nur ein kleiner Nebeneindruck. In Erinnerung bleibt ein rundum schöner Abend und die feste Gewissheit, demnächst selbst zu dem Buch zu greifen.
Drei prägnante Zitate aus der Lesung sind mir dabei schon jetzt im Gedächtnis hängengeblieben:
„Mit 73 Jahren beschloss Julie Cooper zum zweiten Mal in ihrem Leben, dass es an der Zeit war, der Einsamkeit in den Hintern zu treten.“
„Ihre Zunge war mal wieder schneller gewesen als ihr Verstand, der oft dem hinterherhing, was man so Anstand nannte.“
„‚Jede Geschichte kann als Tragödie oder Komödie enden‘, sagte sie sich. ‚Es lag allein daran, wie man sie erzählte, und ihre Geschichte würde definitiv kein tragisches Ende nehmen.‘“