Es ist 13 lange Jahre her, als bereits einmal zwei junge Frauen zusammen am Küchentisch bzw. auf der Couch saßen – damals bei einem leckeren roten Federweißen – und sich über „Gott und die Welt“ und natürlich über Bücher und Buchprojekte unterhielten.
Heute, 13 Jahre später, gibt es eine Wiederholung des Treffens – diesmal bei uns zu Hause, diesmal mit Familie. Während unsere Kinder sich in den Kinderzimmern mit Schleich-Tieren spielend beschäftigten, tranken wir zuerst ganz entspannt Kaffee und aßen dabei noch Kuchen.
Schon währenddessen unterhielten wir uns zu viert, sprangen von einem Thema zum anderen und die Gespräche waren vielschichtig und vielseitig.

Nachdem Florentine noch ihre Fragen zum Thema „Bücher schreiben“ beantwortet bekommen hatte und obendrein noch Tipps für ihr eigenes Buch, konnte das Interview beginnen.
Bereits während des „Kaffeeklatsch“ erfuhren wir, das Josefine und Ralf bereits den ganzen Tagen eigentlich in Dresden unterwegs waren, dass sie eine Freundin zum MegaMarsch begleitet und beim Start angefeuert hatte, dass sie gemütlich frühstücken waren.
Meine erste Frage an Josie war dann, obwohl mir klar war, dass dies den zeitlichen Rahmen sprengen würde, was in den letzten 13 Jahren so alles passiert ist. Was sie mittlerweile sehr viel macht ist Netzwerkarbeit in der Literaturszene Dresdens und in Sachsen. So hat sie das Literaturnetz in Dresden mitbegründet, arbeitet am Podcast für den Sächsischen Literaturrat mit und sie betreut Schreibende im Mentoring zusammen mit ihrem Partner Ralf Günther.
Also die Literaturszene vernetzen, da der Literaturmarkt an sich gerade sehr schwierig ist und Schreibenden über die Romanwerkstatt Pirna und über das Mentoring dazu verhelfen, zu ihrem eigenen Buch zu kommen sind die beiden Faktoren, die neben dem Schreiben der eigenen Bücher und der Familie ihr Leben zu einem großen Teil bestimmen.
In der Medienbranche wird es gerade sehr schwierig, so erzählt Josefine. Zum einen ist die KI mit schuld daran, zum anderen ist es aber auch die Übersättigung des Marktes und dass die Mittel in der Kulturbranche immer weniger werden.
Durch die KI, die immer mehr Einzug hält in den Köpfen der Menschen und im beruflichen Alltag, verändert sich auch die kreative Branche. Hier entstehen Buchcover und Illustrationen durch die Technik, auch von KI eingelesene Hörbücher und gar ganze Bücher entstehen so. Und langsam, aber stetig, verschwinden so die „echten“ Menschen aus diesen Positionen. So spaltet die KI, erhitzt die Gemüter und schürt Ängste.
Katja: Deine Romanreihe „Eiselfen“, eine Kurzromanreihe der High Fantasy, umfasst mittlerweile 9 Bände, wovon 8 bisher vertont wurden. Nun habt ihr über StartNext eine Crowdfunding-Aktion gestartet. Erzähl doch bitte mal, warum ihr das macht.

Josefine erzählt mir daraufhin, das Crowdfunding für Autorinnen gar nicht so unbekannt und auch gar nicht so unbedeutend ist. Sie selbst sammelt gerade Erfahrungen auf den unterschiedlichen Plattformen die es dafür gibt. Vor Weihnachten hatte sie auf 99Funken eine Aktion mit ihrem Kinderbuch, das damals beim Alwis-Verlag erschienen ist, ein kleiner Verlag den es mittlerweile nicht mehr gibt. Um die nicht verkaufte Restauflage zu retten, wurde die Aktion ins Leben gerufen. Zum einen mit dem Ziel, die Bücher an Schulen, Kindergärten usw. zu verteilen und zum anderen um Menschen zu finden, die dafür spenden, dass die Bücher an solche Einrichtungen gehen können.
Josefine: Es war auch eine Möglichkeit für mich, zu lernen, wie diese Plattformen funktionieren. Ich habe mit vielen Menschen gerade auch in der Literaturszene gesprochen, die solche Plattformen nutzen, um von ihren Erfahrungen zu profitieren.
Und bei dem Hörbuchprojekt, da dachte ich mir, das eignet sich sehr gut für Crowdfunding, weil der Verlag bisher 8 von den 9 Bänden vertont hat. Es ist ein kleiner Hörbuchverlag, die Hörbuchmanufaktur Berlin mit einem wundervollen Sprecher (Max Hoffmann) und echtem Studio. Der 9. Band hat noch gefehlt, ist auch der dickste Band der Reihe da alle Fäden zusammenlaufen und da hat der Verlag angedeutet, dass die Bedingungen im Streaming immer komplizierter werden und die Ausschüttungen bei zum Beispiel bei Spotify werden auch an immer mehr Bedingungen geknüpft. Für den Verlag sind dünne Bücher eigentlich perfekt – es gibt schnell ein neues Produkt, das in zwei Stunden eingelesen ist. Der Abonnent bei Audible oder Spotify überlegt dann aber schon, ob er sein Geld oder sein monatliches Guthaben für ein so kurzes Hörbuch ausgeben soll oder nicht.
Sie erzählt weiter, dass der neunte Band, wenn er eingelesen wird, etwas mehr als 6 Stunden sind, was dann wiederum hohe Kosten beim Einlesen verursacht. Dafür gibt es jetzt dieses Projekt. Wenn man das ermöglichen kann, könnte man anschließend noch einen Schritt weitergehen, aus allen 9 Bänden einen Sammelband machen, ein neues Produkt erzeugen und so alle Möglichkeiten ausschöpfen.
Wenn man als Indie-Autorin oder in der Selfpublisher-Szene unterwegs ist, ist es nicht immer einfach, aber man hat auch ganz andere Möglichkeiten als wenn man als Verlagsautor unterwegs ist.
Katja: Wie läuft die Aktion? Ist das gewünschte Ziel in Sicht?
Man kann eine solche Auktion auf jeden Fall verlängern, was man natürlich begründen muss den Spendern gegenüber. Wenn das gewünschte Ziel nicht erreicht wird, so erzählt mir Josefine, würde sie noch andere Wege gehen, andere Ideen ausschöpfen, die Idee aber nicht verloren geben. Es zum Beispiel in zwei Jahren noch mal zu versuchen, da ist sie sich sicher, hat keinen Zweck.
Was sie tatsächlich überrascht hat, ist wie viele Leserinnen und Leser sie unterstützen, unterstützen würden. Ein Crowdfunding ist viel Arbeit, sehr viel Arbeit, die man eigentlich mit einem Team starten muss. Es muss die Werbetrommel gerührt werden, die Aktion muss im Gespräch bleiben. Es ist aber auch eine gute Aktion für die Leserbindung, die Werbung für das Produkt, die Reichweite und auch die Zahl der Follower nehmen zu.
Es ist spannend und nervenaufreibend, ihr Lebensgefährte Ralf kann ein Lied davon singen wie sehr. Über ihre Erfahrungen mit Crowdfunding und über Crowdfunding an sich wird Josefine im Rahmen der Leipziger Autorenrunde auf der Leipziger Buchmesse einen Vortrag halten.

Dann schwang das Gespräch, das sowieso zwischen den unterschiedlichsten Themen hin und her sprang, zum Erscheinungsrhythmus neuer Bücher. Zu „schablonenartig“ geschriebenen Büchern, ähnliche Geschichten die sich gleichen mit vielleicht einem anderen Setting. Ohne Perspektivwechsel zum Beispiel. Auch hier ging es dann um Bücher, die teilweise mit KI geschrieben werden, die mainstreamartig sind, weil die KI aus dem lernt, was die Allgemeinheit will, was am beliebtesten ist. Da kommt nichts Neues – da waren sich alle am Tisch einig.
Beide Autoren, besonders Ralf, legen mehr Wert auf die Reifung eines Buches, auf die Recherche, auf das künstlerische. Hier ist das Buch nicht ausschließlich da, um Geld zu verdienen, sondern das Buch ist Ausdruck der Persönlichkeit, des eigenen Anspruchs an sich selbst als Autor. Manchmal wünscht sich Josefine Gottwald einen höheren Buchausstoß bei sich selbst, merkt aber auch, dass sie dann ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht wird.
Selbst bei dem neusten Band der „Eiselfen“, das „nur“ 208 Seiten hat, hat sie insgesamt knapp ein Jahr gebraucht, bis es fertig war. Es ist eine sehr aufwendige komplexe Geschichte, mit mehreren parallelen Handlungssträngen und Entwicklungen.
Ralf und Josefine schreiben mehrere Fassungen eines Buches, überarbeiten immer wieder bis es „rund“ ist und dem Anspruch an sich selbst gerecht wird.
Was ist die Aufgabe von Kunst? Das man sich, in abgepufferter Form, mit Sachen konfrontiert, denen man sich sonst nicht aussetzen würde. „Manche Leser*innen fliehen vor der Realität in Bücher und meiden es, allzu düstere Nachrichten anzusehen. In EISELFEN begegnen sie auch den Schrecken von Kriegen und den Faktoren, die zu ihnen führen. Letztlich denken sie so vielleicht doch darüber nach.“ Das ist die Aufgabe von Kunst: Den Menschen die Abgründe, die Ängste, näher zu bringen und ihnen zu helfen, sich denen zu stellen.
Katja: Wir haben uns ja vor einigen Tagen auf einer Buchpremiere wiedergesehen, auf der Nicole Czerwinka ihr Buch „Das Geheimnis am Fjord“ vorgestellt hat. Nicole war euer Schützling in Sachen Mentoring und hat bei der Präsentation viele liebe Worte für euch gefunden. Ist man in so einem Moment stolz auf das erreichte, auf das fertige Buch?
Es war so süß, da sind sich beide einige, auch wenn Ralf in dem Moment zugibt, dass es ihm schon eher unangenehm war, während Josefine nicht damit gerechnet hat, dass die Autorin es so sehr herausstellt.

Katja: Warum war dir das eher unangenehm, Ralf?
Es ist doch ihr Buch, sie hat daran gearbeitet und sie kann auf sich so stolz sein. Sie hat ihr Licht hier unter den Scheffel gestellt. Wir haben ihr in einer kritischen Phase über die Schwelle geholfen, dass sie dann weitergemacht hat und im letzten Schaffungsprozess waren wir dann gar nicht mehr integriert, den Rest des Weges ist sie alleine gegangen. Unser Pädagogischer Zweck war erfüllt, wir haben uns überflüssig gemacht J Ich finde es toll, dass das Buch jetzt fertig und auf dem Markt ist und das Nicole weiterschreibt.
Beiden ist es sehr wichtig, dass sie diesen Schritt gegangen ist, das Buch fertig ist und sie ihren Weg gefunden hat. Das ist es, was beide stolz macht. Es ist toll, das fertige Buch zu sehen aber noch viel wichtiger und schöner ist es, wenn es gelingt, eine Schriftstellerpersönlichkeit zu formen, die eigentlich schon da ist. Das Talent zu schreiben haben viele, aber eine Persönlichkeit zu werden, die sagt, das ist mein Buch, das habe ich geschrieben, das können nicht viele. Und das hat sie gelernt.
Katja: Wie oft habt ihr „Das Geheimnis am Fjord“ während der Entstehungsphase gelesen?
Bis zu sechsmal haben die beiden das Buch während der Entstehungsphase gelesen, erzählen sie mir. Mal vollständig, mal nur szenenweise. Man steckt mittendrin in der Geschichte, tief drin und liest kritische Stellen auch mehrfach.
Katja: Was empfehlt ihr jemandem, der anfangen möchte zu schreiben? Ich nehme da jetzt mal Florentine (11 Jahre), die ja mit am Küchentisch sitzt und gerade ihre eigene kleine Geschichte schreibt. Was für einen Tipp habt ihr zum Beispiel für Sie?
Hier wandte sich die Aufmerksamkeit unserer beiden Gäste ganz Florentine zu. Josefine nahm sich das Notizbuch, las ein bisschen darin und stellte dann Fragen. Sie und Ralf nahmen sich viel Zeit, gaben Tipps und Florentine hörte ganz gebannt zu. Einer der Tipps lautete: Schreib einfach. Erstmal raus damit was im Kopf drin ist und dann, wenn es raus ist, kann es ans überarbeiten gehen. Lass dir nicht reinreden.
Ein weiterer Tipp war, sich schon zum Anfang zu überlegen, wie die Geschichte enden soll. Denn so schreibt man auf das Ende zu und verzettelt sich nicht durch viele Umwege, weil man das Ende nicht im Kopf hat. Wichtig ist auch zu wissen, was man mit der Geschichte erzählen will.
„Du musst Spannung erzeugen. Und denk daran, der Leser darf beim Lesen mehr wissen als die Figuren im Buch“.
Dann ging er langsam zu Ende, unser wie ich finde sehr schöner, spannender und informativer Kaffeeklatsch.

Nach einem kurzen „Fotoshooting“ im Vorgarten nahmen wir Abschied voneinander und gaben uns das Versprechen eines baldigen Wiedersehens. Ich freue mich jetzt erst einmal auf die Leipziger Buchmesse und das dortige geplante Treffen, auf das Buch „Ein grenzenloser Sommer“ aus der Feder von Ralf Günther und auf das geplante Interview mit ihm.
»Lesen ist das Denken im Kopf des anderen.« ist einer der Sätze von Ralf Günther, den er im Gespräch gesagt hat und der bei mir tatsächlich haften geblieben ist. Und mit dem Satz möchte ich den Bericht zum „Gespräch am Küchentisch“ beenden.
Liebe Josefine, lieber Ralf – vielen Dank für einen zauberhaften Nachmittag, für Eure Zeit und die tollen Gespräche. Ich freue mich auf eine hoffentlich baldige Wiederholung des Treffens.
