Unglaubliche 12 Jahre nach unserem letzten Treffen durfte ich endlich wieder mit der Bestsellerautorin Julia Kröhn sprechen! Ich wollte unbedingt wissen: Wie schafft sie eigentlich den Spagat zwischen historischen Liebesgeschichten, martialischen Kriegerepen und ihrem Alltag als Gymnasiallehrerin? Und warum wurde ihr neues Herzensprojekt „Das Lächeln der Kinder“ plötzlich von ihrer eigenen Realität im Klassenzimmer eingeholt?
Wir haben über den Ursprung der Gastronomie, tiefsitzende Traumata und ihr nächstes großes Buchprojekt gesprochen. Das ganze Interview findet ihr hier: 👇

Liebe Julia, ich freue mich sehr, dass wir uns nach etlichen Jahren heute wieder einmal zu einem Interview treffen. Das letzte war, soweit ich mich erinnern kann, im Sommer 2014 und ist damit unglaubliche 12 Jahre her.
Schon damals warst du eine multiple Persönlichkeit und hast unter sechs unterschiedlichen Namen Bücher veröffentlicht. Nach meiner letzten Zählung auf deiner Homepage sind es mittlerweile neun Pseudonyme.
Fühlt sich das Schreiben als Kiera Brennan anders an als beispielsweise als Carla Federico oder als Julia Kröhn?
Julia Kröhn: Beide Namen stehen für recht unterschiedliche Genres. Zwar geht es um historische Stoffe, aber allein die Settings unterscheiden sich stark (hier Irland, dort Chile) und erst recht die Ausrichtung: Bei Carla Federico liegt der Fokus auf der Familien- und Liebesgeschichte, Kiera Brennan fällt eher unter die Rubrik martialisches Kriegerepos. Natürlich fühlt es sich unterschiedlich an, ob man einen Kuss beschreibt oder einen brutalen Kampf. Aber das hat weniger mit dem Namen zu tun, sondern mit der Art der Geschichte. Diese steht während des Schreibprozesses im Mittelpunkt – nicht so sehr die Frage, welcher Name hinterher auf dem Cover steht.
Wer entscheidet, wann eine neue Buchidee ein neues Pseudonym braucht? Triffst du die Entscheidung alleine oder steckt da der jeweilige Verlag dahinter?
Julia Kröhn: Wenn es um die Buchbranche geht, muss man zwei Dinge unterscheiden. Zum einen gibt es den Prozess des Entstehens eines Werks – von der ersten Idee bis zum abgeschlossenen Lektorat. Zum anderen muss das fertige Buch seinen Weg zum Leser finden. Und meist spielt erst dann der Name eine Rolle, d. h. es ist eine simple Marketingentscheidung, die zu einem neuen Pseudonym führt. Die beiden häufigsten Varianten sind: Neues Subgenre = neuer Name. Oder: Neuer Verlag = neuer Name.
Ich richte mich hier grundsätzlich nach den Wünschen der Verlage, weil mir der Name nicht so wichtig ist. Für mich zählt es, dass ich bestimmte Geschichten schreiben darf.
Disziplin, Epochenwechsel und der Alltag als schreibende Lehrerin
Deine Romane spielen in vollkommen unterschiedlichen Epochen und haben ganz unterschiedliche Schauplätze. Wie schaffst du es gedanklich, da hin- und herzuspringen?
Julia Kröhn: Ich arbeite ja auch als Gymnasiallehrerin und muss oft innerhalb weniger Stunden gedanklich von den alten Römern zum Zweiten Weltkrieg springen und dann wieder zurück zur Französischen Revolution. Insofern ist es fast schon ein Luxus, dass ich beim Schreiben deutlich länger in einer Epoche verharren darf – es sind ja mindestens ein paar Monate, die man an einem Buch schreibt.
Du veröffentlichst oft mehrere dicke Romane pro Jahr. Wie sieht dein konkreter Arbeitsalltag aus, um dieses Pensum zu schaffen? Und schreibst du parallel an mehreren Romanen?
Julia Kröhn: Mir helfen nach all den Jahren und den vielen Veröffentlichungen natürlich Routine und Erfahrung. Ich weiß mittlerweile sehr gut, was ich mir zutrauen kann. Voraussetzung für mein Pensum ist einerseits ein sehr strukturierte und disziplinierte Arbeitsweise (meine größte Schwäche ist eher Schokolade als Prokrastination ;-). Andererseits könnte ich nicht so viel schreiben, wenn es nicht meine große Leidenschaft wäre, die sich oft eben nicht wie Arbeit anfühlt. Meist schreibe ich nur an einem Roman. Wenn ich in der Überarbeitungsphase bin, recherchiere ich aber schon oft für den Nachfolger.
Sind die Geschichten bis ins kleinste Detail durchgeplant oder lässt du Raum für eine spontane Entwicklung der Geschichte und der Figuren?
Julia Kröhn: Ich bin keine Bauchschreiberin, sondern eine Architektin. Sprich: Es gibt einen sehr genauen Plan, genauer gesagt ein Szenentreatment, an das ich mich halte. Was nicht heißt, dass nicht die eine oder andere Figur ihr Eigenleben entwickelt 😉
Als studierte Historikerin: Wie wichtig ist dir die historische Realität in deinen Romanen und ab wann darf die Fiktion die Oberhand gewinnen?
Julia Kröhn: Mir liegt akribische Recherche – auch vor Ort – sehr am Herzen, nicht zuletzt, weil ich in Sachen Geschichte immer gern dazulerne. Fest steht zugleich, dass man die Vergangenheit nie 1:1 rekonstruieren kann und gerade Lücken mit Fiktion zu füllen sind.
Gibt es eine Epoche, über die du unbedingt noch schreiben willst, an die du dich aber bisher noch nicht herangetraut hast?
Julia Kröhn: Mich reizt seit Langem die Antike. Es ist weniger meine eigene Scheu, die mich davon abhält, als die der Verlage, die dieser Epoche leider bis heute nur wenig Zugkraft zusprechen – von ein paar berühmten Ausnahmen abgesehen.
Große Emotionen und die Geburtsstunde der Gastronomie
Zwei neue Romane hast du in diesem Jahr bereits herausgebracht – das ist zum einen „Das Restaurant der Träume“, ein Roman über die revolutionäre Geburtsstunde der modernen Gastronomie im Paris des Jahres 1765. Zum anderen „Das Lächeln der Kinder“, das sich mit einem hochbrisanten, emotionalen Thema befasst: dem systematischen Kinderraub in Kriegsgebieten – verknüpft zwischen den Verbrechen der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg und der heutigen Verschleppung ukrainischer Kinder nach Russland.
Wie bist du mit den beiden doch so unterschiedlichen Themen beim Schreiben klargekommen? Hast du beide Bücher parallel oder nacheinander geschrieben?
Julia Kröhn: Bei Buchveröffentlichungen kommt es oft zu einer sehr langen Vorlaufzeit. Die beiden Romane sind zwar innerhalb weniger Monate auf den Markt gekommen – doch geschrieben habe ich sie in unterschiedlichen Jahren: „Das Lächeln der Kinder“ schon 2023, „Das Restaurant der Träume“ erst 2024.

Wie bist du auf das Thema der Entstehung der Gastronomie gestoßen? Gab es ein bestimmtes historisches Dokument oder ein Menü aus dem Paris von 1765, das dir als Fundament diente?
Julia Kröhn: Ich habe einen interessanten Artikel gelesen, in dem es um den Ursprung des Begriffs „Restaurant“ ging. Damit waren zunächst eigentlich nur kräftigende Suppen gemeint, mit denen man die Gesundheit „restaurieren“, also wiederherstellen wollte. Das fand ich ebenso spannend wie die Tatsache, dass ein Markt für solche gesundheitsfördernden Speisen – und folglich auch für Orte, wo sie serviert wurden – erstmals am Vorabend der Französischen Revolution, also während der Aufklärung entstand. Da das eine Epoche ist, die mich immer gereizt hat, entstand schnell der Plot für einen Roman.
Kulinarischer Genuss als Spiegel des gesellschaftlichen Befreiungskampfes
Im Zentrum des Romans stehen die Schwestern Anne und Aurore sowie der junge Benoît. Während Benoît den feinen Duft von Trüffel und Vanille kennt, geht es für die Frauen um Bildung und Selbstbestimmung. Wie schwer war es, die Entstehung des kulinarischen Genusses im Buch mit dem harten, historischen Kampf um gesellschaftliche Befreiung zu verknüpfen?
Julia Kröhn: Das eine steht im engen Zusammenhang mit dem anderen. Richtig feine, kulinarisch anspruchsvolle Gerichte wurden zunächst nur beim Adel aufgetischt, der sich die Anstellung von Meisterköchen leisten konnte. Es ist ein Zeichen für das erstarkende Selbstbewusstsein des Bürgertums – auch für seinen Wunsch nach Gleichberechtigung und Freiheit –, dass Orte wie Restaurants entstanden. Sie sind letztlich sichtbare Zeichen für eine Bewegung, in der die Mittelschicht mehr Teilhabe forderte und erlangte. Der erste Schritt war sozusagen die Trüffelpastete, der nächste die politische Mitbestimmung.
Ein Buch über die Geburt der Gastronomie lebt vom Geschmack und Geruch. Welchen handwerklichen Kniff nutzt du im Schreibprozess, um kulinarische Genüsse so zu beschreiben, dass den Lesenden beim Umblättern sprichwörtlich das Wasser im Mund zusammenläuft?
Julia Kröhn: Ich muss gestehen, dass ich selbst zwar gerne gut esse, aber keine Meisterköchin bin. Ich denke, ohne Affinität zur französischen Küche hätte es nicht geklappt – zugleich gehört es zum guten Autorenhandwerk, sinnliche Erlebnisse möglichst eindringlich beschreiben zu können.
Wenn du sagst, du bist keine Meisterköchin, isst aber gerne, da stellt sich für mich die Frage: Was ist dein Lieblingsgericht, für das du alles stehen und liegen lassen würdest? Welches Gericht ist dir schon einmal so richtig misslungen und bei welchem warst du überrascht, dass es dir richtig gut gelungen ist?
Julia Kröhn: Wenn ich an die „Haute Cuisine“ denke, bin ich ein großer Fan von Jakobsmuscheln oder allem rund um Trüffeln. Aber mich kriegt man auch mit ganz einfachen Gerichten wie Spaghetti aglio e olio an den Haken (oder eher an die Gabel ;-). Was meine eigenen Kochkünste anbelangt, bin ich eine ganz gute Kuchenbäckerin, aber beim Plätzchenbacken in der Weihnachtszeit versage ich komplett – die werden regelmäßig steinhart.
Das nackte Grauen und die Suche nach Hoffnung
In „Das Lächeln der Kinder“ behandelst du das unfassbar düstere Thema des systematischen Kinderraubs. Wie schafft man es rein handwerklich, ein so emotional aufwühlendes, historisches und aktuelles Unrecht zu beschreiben, ohne es zu sehr an sich heranzulassen?

Julia Kröhn: Das Thema meines Romans ist eins, bei dem ich emotional „all in“ gegangen bin. Ich war nicht einfach nur bewegt und berührt davon, sondern zutiefst verstört – und genau das war der Grund, warum ich nicht bloß darüber schreiben wollte, nein, darüber schreiben musste. Allerdings war es mir wichtig, für meine Geschichte eine Perspektive zu wählen – nämlich die von zwei Kinderpsychologinnen –, bei der es nicht nur um das nackte Grauen geht, sondern auch um versöhnende Aspekte, also nicht nur um das Trauma an sich, sondern um seine Heilung. Und deswegen denke ich, dass ich zwar ein düsteres Thema gewählt, aber keinen durch und durch düsteren, sondern einen auch hoffnungsvollen Roman geschrieben habe.
Das Buch arbeitet mit zwei Zeitebenen, die durch ein gemeinsames Geheimnis verbunden sind. Schreibst du die beiden Handlungsstränge von Lori und Milena nacheinander weg oder entstehen die Zeitebenen parallel an deinem Schreibtisch?
Julia Kröhn: Die beiden Handlungsstränge sind parallel entstanden.
Du hast im Rahmen des Buchs erwähnt, dass der systematische Kinderraub der Nationalsozialisten in der historischen Forschung lange vernachlässigt wurde und im Bewusstsein der Bevölkerung kaum verankert ist. War dieses gesellschaftliche „Vergessen“ für dich ein persönlicher Antrieb, Loris Geschichte zu erzählen?
Julia Kröhn: Mir war es immer schon wichtig – egal, ob als Historikerin oder als politisch interessierte Beobachterin der gegenwärtigen Weltlage –, auch dorthin zu sehen, wo es wehtut. Und wenn ich Themen oder auch Persönlichkeiten entdecke, die meines Erachtens zu wenig wahrgenommen werden, ist es mir ein großes Bedürfnis, den Scheinwerfer dorthin zu richten. Ich glaube, das ist auch ein Weg, eine gewisse Hilflosigkeit und Ohnmacht zu kompensieren, die die Beschäftigung mit den dunklen Kapiteln der (Zeit-)Geschichte oft mit sich bringt.
Solche sensiblen Themen wie Kinderraub hinterlassen oft tiefe seelische Wunden. Welche sprachlichen Werkzeuge nutzt du als Autorin, um das Unaussprechliche in Worte zu fassen, ohne ins Kitschige oder rein Plakative abzudriften?
Julia Kröhn: Ich kann nicht behaupten, dass mir das immer absolut gelungen ist, aber der Schlüssel ist es, authentische Figuren zu entwickeln, durch deren Perspektive man die Geschichte regelrecht miterlebt und mitfühlt.
Vom Klassenzimmer in die Vergangenheit: Ein persönliches Fazit & Ausblick
Welche der beiden Neuerscheinungen in diesem Jahr liegt dir ganz persönlich am meisten am Herzen und warum?
Julia Kröhn: „Das Lächeln der Kinder“ war von Anfang an ein echtes Herzensprojekt. Es hat allerdings sehr lange gedauert, einen Verlag dafür zu begeistern. Was mich persönlich am meisten berührt: Das wirkliche Leben hat mein Schreiben quasi eingeholt. Seit anderthalb Jahren bin ich nicht nur Autorin, sondern auch Lehrerin, und als solche unterrichte ich mittlerweile viele ukrainische Kinder, die vom Kriegsausbruch persönlich betroffen waren. Für meine Arbeit habe ich mir ein wichtiges Motto meiner Protagonistin Lori zu eigen gemacht: Psychologische und pädagogische Expertise hin oder her – am wichtigsten ist die Liebe zu den Kindern. Und dass ich darüber nicht nur geschrieben habe, sondern das mittlerweile jeden Tag leben darf, ist für mich einer der großen Glücksfälle meines Lebens.
Du erzählst, dass du seit eineinhalb Jahren Gymnasiallehrerin bist, und ich nehme an, dass du als erstes Fach Geschichte unterrichtest. Gibt es ein zweites Fach, das du unterrichtest, und wie bist du auf die Idee gekommen, Lehrerin zu werden? Ist das schon immer dein Wunsch gewesen oder bist du quasi Quereinsteigerin?
Julia Kröhn: Neben Geschichte unterrichte ich auch das Fach „Politik und Wirtschaft“. Ich habe einst Lehramt studiert, aber da ich als Kind zweier Gymnasiallehrer aufgewachsen bin, wollte ich nach dem Studium erst mal was anderes machen und habe mich gegen die Schule und für eine journalistische Ausbildung entschieden. Im Laufe meines Lebens habe ich aber immer deutlicher gespürt, wie gerne ich mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeite – und so ist der Entschluss gereift, als zweites Standbein neben dem Schreiben in den Schuldienst einzusteigen. Das hat sich als eine der besten Entscheidungen meines Lebens erwiesen – denn ich bin mit mindestens so viel Herzblut Pädagogin wie Schriftstellerin, obwohl ich lange dachte, dass nichts je an meine Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen heranreichen könnte.
Haben dir deine ukrainischen Schülerinnen von ihren Erlebnissen im Kriegsgebiet erzählt? Wie gehst du, wie geht ihr als Lehrer und Bezugspersonen mit den Traumata um, die zweifellos entstanden sind?
Julia Kröhn: Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, mit wie viel Pragmatismus, Resilienz und Anpassungsfähigkeit viele meiner Schüler und Schülerinnen traumatische Erfahrungen wie Krieg und Flucht bewältigen. Beim Zuhören bin ich oft aufgewühlter als sie beim Erzählen. Das kann manchmal natürlich auch ein Schutzmechanismus sein, aber fest steht, dass ich als Lehrerin nicht nur lehre, sondern enorm viel von den Kindern und Jugendlichen lerne. Und dazu gehört auch, eine gewisse Fröhlichkeit und Gelassenheit trotz allem Schrecklichen auf dieser Welt zuzulassen oder sehr stark im Hier und Jetzt zu leben.

Was steht als nächstes auf deinem Schreibprogramm? Worauf dürfen sich deine Leserinnen und Leser als Nächstes freuen?
Julia Kröhn: Ich schreibe gerade an einem großen Epos – einem historischen Roman mit Fantasyelementen à la „Die Nebel von Avalon“.
💬 Ein Gespräch, das mir wirklich unter die Haut gegangen ist. Es zeigt: Am Ende zählt nicht der Name auf dem Cover, sondern die Liebe zu den Geschichten – und zu den Menschen.
Habt ihr schon eines der neuen Bücher von Julia Kröhn gelesen? Welche Epoche fasziniert euch am meisten? Schreibt es mir unbedingt in die Kommentare! 👇