Im Gespräch mit Claudia Winter

Im Rahmen der Blogtour im Dezember 2017 zum neuen Buch von Claudia Winter kam die Idee zu einer neuen, etwas anderen Blogtour auf. Hierbei sollte es hauptsächlich um das Thema Interviews gehen. Es sollten quasi Fragen zu verschiedenen Themen gestellt werden. Ich entschied mich, zusammen mit der Autorin, für das Thema Gehörlosigkeit. Wer „Die Wolkenfischerin“ gelesen hat, der weiß dass eine der Hauptfiguren gehörlos ist und wer die Autorin kennt, der weiß, dass da ein Teil ihrer Familiengeschichte mit hineinspielt. Ich habe mich also an die Arbeit gemacht und mit viel Herzklopfen mir ein paar Fragen überlegt, die mich in Bezug auf das Thema am meisten interessiert haben. Die Antworten von Claudia Winter könnt ihr hier lesen:

Katja: Liebe Claudia, vielen Dank das du dich meinen doch so persönlichen Fragen stellst.

Weihnachten ist vorbei, der Jahreswechsel gelungen. Wie hast Du Weihnachten verbracht? Gab es ein besonders schönes Erlebnis?

Claudia: Meine Männer und ich (einmal zwei Beine, zweimal vier Beine) hatten wie jedes Jahr ein sehr schönes, entspanntes Weihnachten ohne Stress und Druck. Traditionell koche ich an Heiligabend für liebe Menschen, die den Abend sonst alleine verbringen würden – dieses Jahr haben wir gemeinsam ein viergängiges asiatisches Menü gekocht mit anschließender Bescherung. Das hat viel Spaß gemacht und war wie immer sehr bereichernd.

Katja: Ein paar Tage vor Weihnachten ist Dein neuer Roman Die Wolkenfischerin erschienen. Ich selbst habe es bereits gelesen und auch verschenkt. Gibt es schon Rückmeldungen von Deinen Leserinnern? Hast Du schon erfahren, wie sie Dein neues Buch finden?

Claudia: Bisher sind die Rückmeldungen meiner lieben LeserInnen sehr positiv ausgefallen. Es bleibt spannend, was der Januar bringen wird, aber ich bin eigentlich ganz guter Dinge.

Katja: Eine große Rolle in dem Roman spielt Maelys, eine junge Frau mit einem großen Handicap: sie ist Gehörlos. Nun kommen ja selten Menschen mit Handicaps in Romanen vor. Warum hast gerade Du Dich entschieden, Maelys in gerade diesem Buch eine Rolle zu geben.

Claudia: Ich stelle mich in jedem Buch einer neuen Herausforderung, sei es in der Art, wie ich die Geschichte aufbaue, welche Perspektiven ich wähle oder in der Auswahl des Landes, das ich bereisen möchte. Nebenfiguren finde ich sehr wichtig, da sie durch ungewöhnliche Attribute der Geschichte eine gewisse Note verleihen und im Zusammenspiel mit den Protagonisten dafür sorgen, dass meine LeserInnen die Hauptfiguren in einem anderen Beziehungskontext kennenlernen können. Ich hatte schon seit einiger Zeit mit einer gehörlosen Figur geliebäugelt, zum einen, weil ich weiß, dass viele Menschen sich für die Lebenswelt der Gehörlosen interessieren und zum anderen, weil ich selbst in dieser Welt aufgewachsen bin. Es fiel mir also dementsprechend leicht, eine solche Figur zu bauen und authentisch darzustellen.

Katja: Du bist als Kind gehörloser Eltern aufgewachsen. Wie kommuniziert man da mit seinen Eltern? Sprichst du die Gebärdensprache und wann hast du diese erlernt?

Claudia: Als Kind gehörloser Eltern kommuniziert man in etwa so, wie es auch ein Kind täte, das beispielsweise in einer fremdsprachigen Familie aufwächst. Das Kind erwirbt beide Sprachen, die der Herkunftsfamilie und die seines sozialen Umfelds. Natürlich spreche ich Gebärdensprache, wobei ich einschränken muss, dass es sich dabei nicht vollumfänglich um die Gebärden aus dem Lehrbuch handelt. Man entwickelt innerhalb einer Familie sogenannte intrafamiliäre Codes, das sind Zeichen und Gesten, die es eigentlich gar nicht gibt. Wir unterhalten uns in einem Gemisch aus Laut- und Gebärdensprache, da meine Eltern sehr gut von den Lippen ablesen können, wenn man langsam und deutlich spricht.  Dennoch kann ich mit jedem anderen Gehörlosen kommunizieren, weil ich das Gehör für die manchmal stammelnd klingende Sprache besitze. Dieses Stammeln resultiert daraus, dass Gehörlose ihre Stimme nicht hören können und es schwerfällt, mit Höhen und Tiefen in den Sätzen zu arbeiten. Heute sind die Gehörlosenschulen allerdings viel besser auf diese Herausforderung vorbereitet, als es die Einrichtungen aus der Generation meiner Eltern noch waren.

Katja: Wie hat dies dein eigenes Leben beeinflußt?

Claudia: Selbstverständlich hatte es großen Einfluß auf meine Entwicklung, mit gehörlosen Eltern aufzuwachsen, denn man ist vor allem eins: Sprachrohr nach außen und Laiendolmetscher. Bestimmt war es auch von entscheidender Bedeutung im Hinblick auf meine berufliche Laufbahn: Ich habe zunächst Sozialpädagogik studiert, bevor sich mir andere Türen geöffnet haben.

Katja: Wie lebt man als Teil einer gehörlosen Familie? Muss man schon frühzeitig andere Aufgaben übernehmen? Was unterscheidet den Alltag von dem in einer Familie, in der es keine gehörlosen Familienmitglieder gibt? Welche Stärken/Ressourcen ziehst du aus deinem besonderen Familienkontext?

Claudia: Meine Kindheit unterscheidet sich gar nicht so sehr von der anderer Kinder. Ich bin in einem kleinen Dorf am Bodensee aufgewachsen, wir hatten ein kleines Haus, meine Mutter war Hausfrau, mein Vater Zahntechniker. Ich war ein freies, selbstbewußtes, sehr wildes Mädchen, das viel Zeit draußen verbracht hat und nachmittag mit Freunden in den Wäldern und am See unterwegs war – eine echte Bilderbuchkindheit mit Ponys, Segelbooten und Abenteuerspielen im Wald und auf den Obstwiesen.

Lediglich kleine Alltagsdinge waren so organisiert, dass sie den Bedürfnissen meiner Eltern gerecht wurden: Wir besaßen statt einer herkömmlichen Klingel ein Lichtsignal, statt eines normalen Telefons ein Schreibtelefon. Im Fernseher liefen immer Untertitel mit (Danke an wen auch immer für diese großartige Erfindung, das war sehr entlastend). Als Teenager habe ich bis spät in die Nacht laut Musik gehört, das war manchmal befremdlich für Freundinnen, die bei mir übernachtet haben 😉 Mit einem Mythos kann ich darüber hinaus auch aufräumen: Ein gehörloser Haushalt ist alles andere als leise. Gehörlose sprechen, lachen und schimpfen sehr laut, da sie ihre Stimmbänder nicht immer kontrollieren können und es angenehmer ist laut zu sprechen, als bemüht leise.

Ich hatte also eine für meine Generation ganz normale Kindheit – bis auf die Tatsache, dass ich oft für meine Eltern als Dolmetscher fungieren musste. Das war natürlich schon eine teils anstrengende Herausforderung, man stelle sich eine Vierjährige beim Arzt vor, die dem Vater erklären muss, dass er zur OP ins Krankenhaus muss. Die Eltern sind natürlich auch sehr stolz auf ihr Kind und schieben es gerne in den Vordergrund, was nicht immer dem momentanen Gemütszustand des Kindes entspricht. Welche Zwölfjährige sitzt schon gern in der ersten Bankreihe der Kirche und muss die Predigt des Pfarrers übersetzen, während ihr sämtliche Augen fasziniert folgen? Das war nicht immer leicht.

Letztlich habe ich sogar sehr von der Art und Weise, wie ich aufwuchs, profitiert. Ich kann Menschen rasch anhand ihres Verhaltens einschätzen und spüre, wie es ihnen geht. Zudem bin ich bühnensicher, kann ohne Scheu vor Publikum sprechen und auf fremde Leute zugehen – weil ich es schlichtweg von Kindheit an nicht anders kenne. Mein Vater hat  mich immer bestärkt, rauszugehen und Kontakte mit Gleichaltrigen zu knüpfen, zudem war er ziemlich streng im Hinblick auf die Schule. Er hat mir schon sehr früh Lesen und Schreiben beigebracht – und mir einen Bibliotheksausweis besorgt. Das war eine recht fundierte Basis für meine spätere Schriftstellerei.

Katja: Vielen Dank für die offenen und ehrlichen Antworten zum Thema Gehörlosigkeit. Ich wünsche Dir mit dem neuen tollen Buch Die Wolkenfischerin von Herzen viel Erfolg und freue mich schon jetzt auf neuen Lesestoff von Dir.

Copyright Foto: Claudia Toman

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4 Responses to Im Gespräch mit Claudia Winter

  1. Jenny siebentaler sagt:

    Gebärdensprache hat mich als Kind schon sehr gefallen und hätte ich die Gelegenheit zu bekommen hätte ich sie auch damals schon angefangen zu lernen, ich habe sie durch die Serie Unsere kleine Farm entdeckt und fand sie seid dem bis heute einfach sehr faszinierend!
    LG Jenny

  2. Huhu,
    Danke für das tolle Interview.
    Ich fand es ganz toll, dass mein Sohn in der Grundschule nach Hause kam mit dem Finger-Alphabet, die haben in der Schule einiges darüber gelernt und auch geübt.
    Ich fand es toll wie den Kindern das schon nahe gebracht wurde.

    LG Manu

  3. Sonja W. sagt:

    Hallo,

    das ist ja wirklich interessant. Ich stelle es mir unheimlich schwer vor, als Kind gehörloser Eltern aufzuwachsen. Daher fand ich die Erläuterungen von Claudia wirklich spannend.

    Überhaupt das ganze Interview ist total informativ.

    Wünsche einen schönen Sonntag.
    LG Sonja

  4. Zeljka Ilic sagt:

    Huhu 🙂

    Ich finde das mit der Gebärdensprache faszinierend. Richtig toll!

    Ich hatte als Kind auch so ein Alphabeth mit den anderen Kindern erlernt und muss sagen, dass es gar nicht so einfach ist, sich dadurch zu verständigen.

    Ganz liebe Grüße
    Zeki

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