Türchen 12: Geschichte “ Der Weihnachtsmarkt im Teufelsmoor“ von Franziska Franke

Heute habe ich etwas ganz besonderes für Euch. Franziska Franke – die Autorin von Sherlock Holmes Büchern – hat mir für das heutige Türchen eine Kurzgeschichte zur Verfügung gestellt. Hierfür sage ich von ganzem Herzen DANKE 🙂

Der Weihnachtsmarkt im Teufelsmoor

Emily schlüpfte in ihren dicken Mantel und knöpfte ihn bis oben zu. Beschwingt trat sie ins Freie. Gemeinsam mit einem anderen englischen Au pair-Mädchen wollte sie den Weihnachtsmarkt im Nachbarort besuchen. Freunde ihrer Eltern hatten letztes Jahr einen Billigflug nach Frankfurt gebucht, nur um den dortigen Weihnachtsmarkt zu besuchen und waren begeistert zurückgekehrt.

Fünf nach Sechs durchschritt Emily den Vorgarten, der zum Heim der Schnakenbergs gehörte, einem Ziegelbau beträchtlicher Größe. Als Emily klingelte, ging sie davon aus, dass ihre Freundin sie bereits ungeduldig erwartete, denn sie hatte sich ein paar Minuten verspätet. Aber die Tür wurde ihr von der ältesten der drei Töchter der Familie geöffnet.

„Ich wollte Jessica abholen“, stammelte Emily, was mit einem deutschen Redeschwall beantwortet wurde. Die Engländerin verstand nur ein einziges Wort, nämlich Baby.

Ihre Freundin hatte sich schon wiederholt darüber beklagt, das der jüngste ihrer Schützlinge manchmal etwas schwierig war, was offenbar heute wieder einmal der Fall zu sein schien. Das hatte gerade noch gefehlt! Wenn die beiden Freundinnen nicht bald aufbrachen, würden sie den Bus verpassen.

Da niemand Emily in die Wohnung bat oder sie das zumindest nicht mitbekommen hatte, wartete sie weitere fünf Minuten vor der Haustür und schaute dabei in immer kürzeren Abständen nervös auf die Armbanduhr. Dann riss ihr der Geduldsfaden und sie trat ungebeten ein. Anscheinend war das Ehepaar Schnakenberg nicht da, denn die beiden älteren Kinder lümmelten mit Turnschuhen auf dem Sofa herum und sahen sich einen Actionfilm an. Aus der Ferne war ein brüllendes Kleinkind zu hören. Die Freundin würde sich wohl in absehbarer Zeit kaum loseisen können.

„Richtet bitte Jessica aus, dass ich ohne sie gefahren bin“, rief Emily den gebannt auf den riesigen Flachbildschirm starrenden Mädchen zu, bevor sie sich eilig auf den Weg zur Bushaltestelle am Ortsausgang machte.

Draußen schaute sie erneut auf ihre Armbanduhr: Schon viertel nach sechs. Verdammt! Der Bus fuhr in vier Minuten. Ann beschleunigte ihre Schritte, bis sie fast rannte. Hastig folgte sie einer langen, von schmucken Einfamilienhäusern gesäumten Straße, bog um die Ecke und sah vor sich die roten Rücklichter des Busses in der Dunkelheit glühen. Erschrocken wedelte sie mit den Armen in der Luft, um den Fahrer auf sich aufmerksam zu machen. Unsportlich wie sie war, lief sie so schnell sie nur konnte in Richtung Omnibus. Fast hatte sie ihn erreicht, als sich die Türen schlossen. Es gelang ihr gerade noch, auf den Knopf neben der Tür zu drücken, aber der Fahrer hatte ihn bereits deaktiviert und der Bus startete. Mit ohnmächtiger Wut schaute Emily dem sich immer schneller entfernenden Fahrzeug nach. Ein wütender Blick auf die Armbanduhr bestätigte ihre Vermutung, dass er eine Minute zu früh abgefahren war.

Was sollte Emily jetzt tun? Der nächste Bus fuhr erst in einer Stunde und so lang wollte sie nicht in der Kälte warten. Auch fehlte ihr die Geduld, den Ausflug auf nächsten Freitag zu verschieben. Sie hatte sich schon so auf den Besuch eines typisch deutschen Weihnachtsmarkts gefreut und wer weiß, ob die Freundin dann nicht auch verhindert sein würde.

Es blieb also nur noch die Möglichkeit, zu Fuß zu gehen. Der Weg dauerte nur eine gute halbe Stunde, führte jedoch durch das Teufelsmoor. Emily hatte ihn schon mehrfach im November zurückgelegt, aber damals war es noch hell. Sie zündete sich eine selbstgedrehte Zigarette an und inhalierte gierig den Rauch, bevor sie ihn mit einem lauten Seufzer wieder ausatmete. In der kalten Luft bildete sich eine Wolke, die sich langsam wieder auflöste. Emily gab sich einen Ruck und marschierte los, wobei sie wütend vor sich hinpaffte. Sie sollte endlich mit dem Rauchen aufhören, aber nicht an diesem Tag.

Bald hatte sie den Ort hinter sich gelassen und es fuhr nur noch ab und zu ein Auto an ihr vorbei. Zu beiden Seiten des Wegs lag das flache Land in trüben Duster. War die Straßenbeleuchtung schon immer so schwach oder kam es ihr nur so vor, weil sie allein unterwegs war? Missmutig ließ sie ihren Blick über die weite Landschaft gleiten. Ein Bach schlängelte sich an der Straße entlang durch das Moor. Efeu umrankte die Stämme der wenigen Gehölze. Die einsame Wanderin erinnerte sich daran, dass der Landkreis Osterholz hieß. Was für ein seltsamer Name, man sollte ihn im Dezember in Weihnachtsholz umbenennen. Wenn es doch wenigstens schneien würde! Emily hatte sich den Advent in Deutschland immer mit viel Schnee vorgestellt! Zitternd im eisigen Wind schlang sie ihren Schal fester um den Hals.

Plötzlich hörte sie hinter sich die Motorgeräusche eines schnell fahrenden Autos. Bald erleuchteten die Lichtkegel von dessen Scheinwerfer die Fahrbahn. Das Kraftfahrzeug setzte an, Emily zu überholen, bremste aber neben ihr und sie erschrak. Erst auf den zweiten Blick erkannte sie, dass es ein Polizeiauto war. Die Windschutzscheibe auf der Beifahrerseite wurde heruntergekurbelt und ein blonder junger Mann winkte ihr zu.

„Sind Sie in letzter Zeit jemandem begegnet?“, erkundigte er sich.

Was für eine seltsame Frage!

„Nein“, entgegnete sie und nestelte mit der freien Hand nervös an ihrem Schal.

„Schade“, sagte der Polizist und wedelte den Zigarettenrauch von sich weg. „Wir suchen nämlich einen entflohenen Häftling der Anstalt von …“

Emily verstand den Ortsnamen nicht und er war ihr auch herzlich egal. Ein Häftling? Das war doch bestimmt ein Sittlichkeitsverbrecher oder ein Mörder! Ehe Emily etwas erwidern konnte, wurde die Windschutzscheibe wieder hochgekurbelt und das Polizeiauto fuhr im Kavaliersstart davon.

„Warten Sie! Nehmen Sie mich mit! Bitte!“, brüllte Emily auf Englisch dem Wagen nach, aber er war bereits außer Hörweite.

Wie konnte die Polizei sie allein mitten in dieser dunklen Einöde zurücklassen, obwohl sich hier ein Schwerverbrecher herumtrieb? Der Mann hatte nichts zu verlieren und würde auch nicht vor einem weiteren Mord zurückschrecken! Emily bereute bitterlich, sich allein auf den Weg gemacht zu haben. Am besten sie kehrte schleunigst wieder um. Ein Blick auf die Armbanduhr zeigte ihr jedoch, dass sie bereits exakt die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Sie konnte also genauso gut weitergehen.

„Verdammt“, fluchte sie, denn ihre Zigarette, die sie ganz vergessen hatte, hatte ihr die Haut ihres Fingers versengt.

Wütend warf sie die Kippe über die Schulter. Sie hätte sich keine Weiße Weihnacht wünschen dürfen, denn jetzt hatte zu allem Überfluss auch noch ein Schneeregen eingesetzt und sie konnte nicht mehr rauchen, ohne, dass die Zigaretten aufgeweicht wurden. Nach einer Weile schaute Emily erneut auf die Uhr und stellte befremdet fest, dass nur zwei Minuten vergangen waren. Ihr Zeitgefühl schien in der gespenstischen Nachtlandschaft abhanden gekommen zu sein.

Neben der schnurgeraden Straße ragte wie ein schwarzer Schemen ein Baumgerippe in den nächtlichen Himmel. Seine dürren Äste schienen nach Emily zu greifen. Plötzlich knackte es laut hinter den dunklen Zweigen und Emily stieß einen halbunterdrückten Angstschrei aus. Der Mörder lauerte im Gehölz! Du musst weitergehen, ermahnte sie sich. Wenn sie stehenblieb gab sie dem geflohenen Gefangenen zu erkennen, dass sie sein Versteck bemerkt hatte. Sie hatte den einsamen Baum fast hinter sich gelassen, als das Geräusch zu hören war. Nur nicht zurückschauen! Es war bestimmt nur ein Tier, ein Eichhörnchen zum Beispiel oder ein Vogel! Oder es war der Teufel, der es auf die Seelen der in den Dörfern lebenden Menschen abgesehen hat. Vom ersten Tag an hatte Emily eine instinktive Angst vor dem Moor verspürt. Die Kinder ihrer Gastfamilie hatten das mitbekommen und ihr genüsslich geschildert, dass das Teufelsmoor die Heimat von fleischfressenden Pflanzen und Giftschlagen sei. Kaum zu glauben, dass die Großstadt Bremen  weniger als dreißig Kilometer entfernt war.

Ohne es zu bemerken, hatte sie ihre Schritte derart beschleunigt, dass sie fast rannte, so groß war ihre Furcht vor dem flüchtigen Mörder. Der Mond war inzwischen aufgegangen und sie erkannte die Umrisse eines Strauchs hinter einem kleinen Tümpel. Bestimmt trieb eine Leiche in seinem brackigem Wasser! Mit aller Kraft stemmte sich Emily gegen den schneidenden Wind. Er zerzauste ihr halblanges braunes Haar, rötete ihre Wangen und bauschte ihren Mantel auf.  Schneeflocken wirbelten um sie herum, bedeckten ihren Kopf und ihre Schultern, schmolzen aber sofort wieder.

Eine paar Dutzend Meter vor ihr mündete ein Feldweg in die Straße, was Emily gar nicht gefiel. Angestrengt suchten ihre Augen das Gelände ab und sie wurde erneut von einem Schauder ergriffen: Auf dem Weg bewegte sich eine Gestalt in Richtung Landstraße! Sie musste wohl aus dem in der Ferne kaum noch sichtbaren Gehöft gekommen sein. Panisch spielte Emily mit dem Gedanken, in entgegengesetzter Richtung zu fliehen. Ins Teufelsmoor? Das kam leider gar nicht in Frage. Für kein Geld der Welt würde sie den befestigten Weg verlassen und sich auf unsicheren Boden begeben. Sie wollte nicht im Morast versinken und als Moorleiche enden.

Der dunkle Schatten war nähegerückt und Emily erkannte zu ihrer grenzenlosen Erleichterung, dass es sich um eine junge Frau handelte. Sie war klein, aber drahtig und hatte aschblondes, langes Haar. Ihre Kleidung war die einer Landbewohnerin und sie kam direkt auf das englische Au pair zu.

„Guten Abend!“, grüßte die Fremde, dann folgten einige Worte, die Emily nicht verstand. Noch immer hatte sie Schwierigkeiten mit langen Sätzen und dem einheimischen Dialekt. Aber offenbar signalisierte ihr die Unbekannte, dass sie sich ihr anschließen wollte, was ihr nur recht war.

„Ich bin froh Ihnen begegnet zu sein“, sagte sie hocherfreut und berichtete, was ihr widerfahren war.

„Ein Verbrecher?“, vergewisserte sich die Fremde und Emily nickte. „Als ob der Schneeregen nicht schon schlimm genug wäre. Bei diesem Wetter würde man doch keinen Hund vor die Tür setzten.“

Immerhin hatte sich ihre Gesprächspartnerin freiwillig ins Freie begeben. Emily hätte zu gern gewusst zu welchem Zweck, wollte aber nicht indiskret sein. Aus dem Augenwinkel betrachtete sie die arglosen Augen ihrer Begleiterin und vermutete, dass sie wohl auf dem Weg zum Nachbarort war.

„Es war keine gute Idee von mir, abends durch das Moor zu gehen“, sagte sie, um die Gesprächspause zu überbrücken und klopfte sich den nassen Schnee vom Mantel.

„Es ist auch bei Tag ein bisschen unheimlich im Teufelsmoor. Wenn man den Weg verlässt verläuft man sich leicht. Hier sieht es überall gleich aus“, bemerkte die junge Frau mitfühlend. „Sind Sie Amerikanerin?“, erkundigte sie sich dann.

„Nein, ich bin Engländerin und komme aus London“, entgegnete Emily, was die Fremde aber nicht weiter zu interessieren schien.

Eine Weile schritten die beiden Frauen wortlos nebeneinander her.

„Sie haben nicht zufällig eine Zigarette?“, fragte die Fremde dann.

Wahrscheinlich hatte sie den kalten Zigarettenrauch in der Kleidung wahrgenommen. Emily fischte mit klammen Fingern die Dose mit den selbstgedrehten Zigaretten aus der Jackentasche, öffnete sie und reichte sie weiter. Mit vor Kälte zitternden Händen griff die junge Frau nach einer Zigarette. Emily schloss den Behälter, steckte ihn wieder ein und gab ihr Feuer. Sie sog an der Zigarette wie eine Ertrinkende am Sauerstoffschlauch. Offenbar war sie eine noch süchtigere Raucherin als sie selbst.

„Ich freue mich schon auf den Weihnachtsmarkt“, sagte Emily, aber unter der aufgesetzten Heiterkeit herrschte eine angespannte Atmosphäre. Die Situation lud auch nicht gerade zur Ungezwungenheit ein. Der Engländerin steckte die Kälte in den Knochen, sie fürchtete sich noch immer vor dem aus dem Gefängnis ausgebrochenen Sittenstrolch und nun sollte sie auch noch auf Deutsch mit einer Fremden Konversation betreiben. So hatte sie sich den Abend wirklich nicht vorgestellt, doch wenigstens war sie nicht mehr allein.

Doch zehn Minuten später hatte sie endlich den Nachbarort erreicht. Schon leuchteten ihr die ersten Weihnachtsdekorationen entgegen und vom Marktplatz klang des Lied Leise rieselt der Schnee. Der Wind trieb ihr den Geruch von Glühwein und Bratwurst in die Nase und sie atmete erleichtert durch. Sie hatte es geschafft, der Weihnachtsmarkt war zum Greifen nah. Die Schrecken des Marsches durch das Moor waren fast vergessen. Emily wollte sich gerade von ihrer Reisegefährtin verabschieden, als sie zwei Polizisten bemerkte, die ihnen entgegenkamen. Beim Anblick ihrer finsteren Mienen, ergriff sie ein Schauder. Hatte sie gegen irgendein Gesetz verstoßen? War es verboten, das Teufelsmoor bei Nacht zu durchqueren?

Erstaunlich kräftige Arme packten sie von hinten und sie spürte die kalte Klinge eines Messers an der Kehle. Der Angriff kam so unerwartet, dass das Überraschungsmoment auf der Seite ihres Gegners war. Ehe Emily begriff, wie ihr geschah war sie bereits überwältigt.

„Keinen Schritt weiter!“, zischte ihr die stahlharte Stimme ihrer Begleiterin ins Ohr. „Wenn ihr mich nicht gehen lasst, schneide ich ihr die Kehle durch!“, schrie sie dann den Polizisten entgegen.

Emily hatte den Eindruck, dass ihr Herz für eine Sekunde aussetzte, dann schlug es schmerzhaft gegen ihre Rippen. Sie wurde fast ohnmächtig vor Entsetzen, als sie begriff, dass ihre Weggefährtin der entsprungene Gefangene war. Weil ihre Deutschkenntnisse so schlecht waren, hatte sie nicht verstanden, dass man eine Frau suchte. Deren Körper war ihrem so nah, dass sie den Schweiß ihrer Angreiferin riechen konnte, die sie noch immer mit ihrem Messer bedrohte.

„Sie können nicht entkommen. Wir haben schon Verstärkung angefordert. Machen Sie die Sache nicht noch schlimmer als sie ist!“, rief der ältere der beiden Polizisten.

Einige qualvolle Sekunden starrten die Kontrahenten einander schweigend an. Dann  fühlte Emily, wie der Druck des sie umklammernden Arm auf ihre Brust nachließ. Endlich wurde auch das Messer langsam gesenkt. Ehe Emily sich versah, hatten die Polizistin ihre Angreiferin entwaffnet und ihr Handschellen angelegt. Vor Erleichterung schlossen Emily Tränen in die Augen und ihre Nase begann zu laufen, doch sie zitterte noch immer am ganzen Körper. Ihr war so übel, dass sie tief durchatmen musste, um sich nicht zu übergeben. Zur Beruhigung ihrer Nerven zündete sie eine Zigarette an, die ihr jedoch nicht so recht schmeckte.

„Sie hat sich Ihnen angeschlossen, um uns zu täuschen, weil wir nur nach einer Person suchten“, sagte der blonde Polizist, der sie im Teufelsmoor so schnöde im Stich gelassen hatte, bevor er ihre Personalien notierte und ankündigte, dass das ganze ein gerichtliches Nachspiel haben würde.

Sein älterer Kollege hatte bereits die entflohene Gefangene in das Polizeiauto verfrachtet. Der junge Polizist verabschiedete sich, stieg ebenfalls ein und das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Vielleicht war heute doch der richtige Tag, um mit dem Rauchen aufzuhören. Emily trat ihre erst zu einem Drittel abgebrannte Zigarette aus, während sie nachdenklich dem Gefangenentransport nachschaute. Was für ein Unterschied zwischen der blassen, schmalen Frau im Fond des Wagens und der Gestalt, die sie in ihrer Panik im Geist gesehen hatte! Trotzdem hatte die Unbekannte Emily vorhin halb zu Tode erschreckt.

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