Liebe Nicole, als ich von zwei sehr lieben Menschen zu deiner Buchpräsentation eingeladen wurde, war mir dein Name komplett unbekannt. Mittlerweile habe ich erfahren, dass „Das Geheimnis am Fjord“ nicht dein erstes Buch ist, dass Du als freie Pressesprecherin für die Dresdner Musikfestspiele arbeitest und auch so in der „Schreibenden Zunft“ sehr aktiv bist.
Aber vielleicht stellst du dich den Lesern meines Blogs selbst kurz vor? Wer ist Nicole Czerwinka? Was sind deine vielleicht geheimen Leidenschaften, was macht dich traurig und was stimmt dich fröhlich?
Ich bin Nicole, Dresdnerin, Journalistin, Familienmensch. Die Leidenschaft für Bücher und das Schreiben begleitet mich schon mindestens seit meiner Schulzeit. Ich habe ziemlich spät – mit 16 – angefangen Klavier zu spielen, und vielleicht war das mein Schicksal. Inzwischen arbeite ich seit zehn Jahren für die Dresdner Musikfestspiele, einzelne Künstler sowie Festivals, und genieße immer noch jedes Konzert, als ob es das erste wäre.
Fröhlich machen mich oft kleine Sachen: ein Strauß Tulpen auf meinem Tisch, eine Tasse guter Kaffee, inspirierende Begegnungen, ein Lächeln im richtigen Moment oder eine schöne Idee für eine Geschichte. Traurig machen mich gerade die vielen Kriege in der Welt. Wir müssten doch eigentlich längst wissen, dass es anders geht.
Du hast an „Das Geheimnis am Fjord“, so habe ich es mir von der Buchpräsentation gemerkt, 5 Jahre lang, immer mal wieder mit Unterbrechungen, gearbeitet. Hattest du mal irgendwann das Gefühl „Das wird nix, ich geb auf?“
Ehrlich gesagt kam der Gedanke regelmäßig, aber aufgeben war keine Option. Ich wusste, dass ich es schaffen kann und mir war von Anfang an klar, dass „Das Geheimnis am Fjord“ genau das Projekt ist, bei dem ich durchhalten werde und muss, wenn ich weiterkommen will. Das ist wie beim Bergsteigen oder beim Sport überhaupt: Man muss sich immer wieder aufraffen, um den kritischen Punkt zu überwinden und hinterher sagen zu können: Yes, das war es wert! Jetzt habe ich es geschafft!

Was hat dich daran gehindert, aufzugeben und was hat dich motiviert, weiterzuschreiben, durchzuhalten?
Ich kann unglaublich ehrgeizig sein, wenn es um meine Texte geht. Das Ziel war von Anfang an, den Roman abzuschließen, daran eine andere Art des Schreibens einzuüben als ich sie vom Journalismus her kannte und gewohnt war. Motiviert haben mich auf dem Weg dahin immer wieder Besuche in Norwegen, auf Buchmessen, Gespräche mit befreundeten Autoren, das Lesen selbst und alle in meinem Umfeld, denen ich davon erzählt hatte. Irgendwann war zudem so viel Zeit in das Projekt geflossen, dass es sich ganz fatal angefühlt hätte, einfach auf halber Strecke abzubrechen.
Deine Mentoren, die dich ein Stück des Weges begleitet haben, waren Ralf Günther und Josefine Gottwald, bei denen du dich im Rahmen der Präsentation auch mit sehr lieben Worten bedankt hast. Was hat dich bewogen, die beiden „um Rat zu fragen“, ihr Mentoring in Anspruch zu nehmen. Was hast du aus der Zusammenarbeit mit den Beiden für dich mitgenommen?
Ich habe Josie kennengelernt, als ich vor vielen Jahren ein Interview mit ihr zu ihrer Fantasy-Reihe „Die Krieger des Horns“ geführt habe. Schon bei dieser ersten Begegnung habe ich sie damals neugierig ausgefragt, wie sie es macht, fiktive Geschichten aufzubauen und beim Schreiben einfach dranzubleiben. Im Mentoring haben die beiden mir dann ganz am Anfang des Prozesses beim Aufbau des Romans geholfen, wir haben gemeinsam über die Figuren und ihre Motivation gesprochen. Es hilft unglaublich, wenn man mit jemandem darüber reden kann, denn oft werden die Dinge im Gespräch deutlicher. Es ging in den Treffen aber auch viel um meine persönlichen Ziele und mein späteres Profil als Autorin. Die beiden konnten mir wertvolle Tipps geben, wie ich an Verlage herantreten kann und wir haben uns ganz ehrlich darüber unterhalten, welcher Weg für mich der beste sein könnte.
In deinem Buch verarbeitest du ein recht dunkles Kapitel des 2. Weltkriegs, das doch recht in Vergessenheit geraten ist und auch ich musste „Lebensborn“ und „Tyskerbarn“ direkt erstmal googlen. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?
Ich habe selber ein paar Jahre in Norwegen gelebt und dort war die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg zu dieser Zeit in der Gesellschaft ein für mein Empfinden sehr präsentes Thema. Die Problematik der Deutschenmädchen ist mir da zum ersten Mal begegnet und hat mich immer wieder beschäftigt. Die Biografien der norwegischen Frauen, die sich in einen Wehrmachtssoldaten verliebt haben, und ihrer Kinder, sind so unglaublich berührend und vielschichtig. Sie begegnen uns auch hier, jedoch eher im Verborgenen. Wusstest du z.B., dass die Sängerin Anni-Frid Lyngstad von Abba ein Tyskerbarn ist, also ein Kind, das aus einer solchen Beziehung geboren wurde?

Marie, die Hauptfigur in dem Buch, ist eine buchbegeisterte taffe junge Frau, die sich in das Land Norwegen verliebt. Von dir weiß ich, dass du auch gerne in Norwegen unterwegs bist, was mich natürlich zu der Frage bringt: Wieviel von Dir steckt in Marie?
Es gibt keine bewusst autobiografischen Bezüge in dem Buch, das muss ich gleich vornweg sagen. Natürlich verbindet mich die Liebe zu Büchern mit Marie und diese Zerrissenheit zwischen dem Leben in Deutschland und Norwegen, die sie beschäftigt, die kenne ich von damals auch. Das ist auch wichtig, denn man muss seine Figuren schon irgendwie spüren, wenn man sie für den Leser fühlbar machen will.
Du hast erzählt, dass dein Buch ursprünglich als Verlagsbuch gedacht war, du dich dann aber für das Selfpublishing entschieden hast. Warum hast du für dich diese Entscheidung getroffen?
Hier war vor allem der Zeitfaktor entscheidend. Ich hatte über fünf Jahre an dem Buch gearbeitet und wollte dieses Kapitel nun abschließen, um mich neuen Ideen widmen zu können. Im Nachhinein muss ich sagen, das war genau der richtige Weg. Ich habe im letzten halben Jahr so unglaublich viel dazu gelernt, das finale Lektorat hat die Story nochmal um einiges vorangebracht. Mit diesen Erfahrungen in der Rückhand kann ich beim nächsten Projekt nun viel selbstsicherer an Verlage und Agenturen herantreten.
Wie wichtig ist für Selfpublisher die Sichtbarkeit gerade bei Bloggern und Buchhändlern. Hat man es als Selfpublisher schwerer oder leichter?
Die Sichtbarkeit ist hier wie da genauso wichtig. Die Geschichte muss ihre Leser finden und das passiert nicht von allein. Marketing ist unverzichtbar, deshalb setzen ja auch die Verlage im Moment gern auf Autoren, die zugleich Influencer sind. An dem Punkt habe ich sehr von meinen Erfahrungen bei den Dresdner Musikfestspielen profitiert. Wir haben ein Weltklasse Festival bei uns in Dresden, aber die Säle füllen sich trotzdem nicht automatisch, da braucht es kluge Strategien und ein gutes Netzwerk. Es ist egal in welcher Branche: Du kannst das beste Produkt haben, ohne Sichtbarkeit bleibt es ein Ladenhüter. Ich gehe durch meinen Job da sicher viel weniger illusorisch heran als andere Autoren und Künstler.
Marketing zur Sichtbarkeit ist wichtig, das weißt du aus dem Berufsumfeld am besten. Welchen Tipp hast du vielleicht für angehende Autoren?
Die Erkenntnis, dass Marketing genauso dazu gehört wie der gespitzte Bleistift und ein voller Akku auf dem Laptop ist essenziell. Wer hier schon sagt: Das mache ich nicht, der braucht eigentlich gar nicht erst anfangen – es sei denn es ist sein Anliegen, schöne Geschichten für Familie und Freunde zu schreiben. Das gibt’s ja durchaus auch.
Bei unserem Treffen auf der Leipziger Buchmesse vor ein paar Tagen hast Du mir erzählt, dass du bei einer nordischen Lesenacht gewesen bist. Welcher Autor, welche Autorin hat dir warum gefallen und hast du dir vielleicht sogar, wie ein „Fangirl“, eine Signatur in einem Buch holt?

Trude Teige! Sie hat in ihrem Buch „Als Großmutter im Regen tanzte“ auch eine Deutschenmädchengeschichte verarbeitet, aber ganz anders als ich. Vor zwei Jahren bin ich am Berliner Hauptbahnhof eher durch Zufall darauf gestoßen, habe es sofort gekauft und bis zur letzten Seite sehr geliebt. Als ich meiner Coverdesignerin von meinem Roman erzählte, war ihre erste Reaktion: „Dann schreibst du solche Geschichten wie Trude Teige!“ Ein riesiges Kompliment, denn die Fußstapfen sind groß. Trude ist auch Journalistin, ich habe mich sehr gefreut, sie jetzt in Leipzig kennenlernen zu können. Sie ist eine so liebenswerte Person, und hat mir ihren Roman sogar auf Norwegisch signiert.
Mit einer anderen Autorin hatte ich auf der Buchmesse das Thema „tägliches Schreibziel“. Es gibt Autoren, die sich jeden Tag Ziele setzen wie eine bestimmte Anzahl Wörter oder Seiten pro Tag zu schreiben oder eine bestimmte Zeit am Tag – also Stundenanzahl. Wie arbeitest du? Schreibst du, wenn die Gedanken fließen oder bist im Team „tägliche Zielsetzung“?
Haha, sehr gute Frage! Ich schreibe nicht täglich, bis heute nicht, aber man braucht schon eine gewisse Regelmäßigkeit und sollte nie erst auf die richtige Stimmung warten. Mal läuft es besser, mal schlechter, das ist ein fließender Prozess. Wenn ich irgendwo feststecke oder an detaillierte Überarbeitungen gehe, hilft es mir sehr, komplette Tage in der Dresdner Unibibliothek einzuplanen. Dort bin ich nie ins Wlan eingeloggt und arbeite daher absolut konzentriert und ohne lange Unterbrechungen. Tagesziele habe ich noch nicht eingebaut, ich war darauf aber auch nicht angewiesen, da ich ja bislang keine Verlagsdeadline hatte.
Ich habe mitbekommen, dass du selbst auch gerne liest. Welcher Autor / welche Autorin hat Dich in Deiner Kindheit/Jugend begleitet und zu welchen Büchern greifst Du heute noch gern? Was war das erste Buch, das du selbst gelesen hast, an das Du Dich noch bewusst erinnern kannst?
Ich lese wirklich schon seit meiner Kindheit sehr gern und auch viel. Großen Respekt habe ich vor der komplexen Zauberwelt, die J. K. Rowling in ihren sieben Harry-Potter-Bänden heraufbeschworen hat. Ein Buch, das mich in meiner Jugend wirklich nachhaltig faszinierte, ist Arthur Goldens „Die Geisha“. Den Film dazu habe ich bis heute nicht gesehen, wie ich das bei Büchern, die mich richtig packen, fast immer halte.
Ich liebe natürlich die deutschen Klassiker wie Theodor Fontanes „Effi Briest“, Thomas Manns „Buddenbrooks“, Goethes „Wahlverwandtschaften“ oder Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ und viele mehr. Bei der Literatur jüngeren Datums erinnere ich mich noch sehr gern an Wolfgang Herrndorfs „Tschick“. – Es war tatsächlich eine Herzensentscheidung, dass ich im Hauptfach Literaturwissenschaft studiert habe. Würde ich jederzeit wieder tun!
Die Leipziger Buchmesse lädt ja auch zum Stöbern und Entdecken ein, es gab immerhin ca. 2044 Aussteller, die ihre Bücher und andere Verlagsprodukte präsentiert haben. Wie entdeckst Du „Neuheiten“ für Dich, immerhin erscheinen ja ca. 8000 neue Bücher jährlich. Gibt es für dich eine Buchreihe, auf deren Fortsetzung du sehnlichst wartest? Oder ein Autor, dessen neuestes Buch du dann unbedingt haben musst?
Ehrlich gesagt nicht. Es gibt so viele Klassiker, die ich gern noch lesen möchte. Zumal mein Studium den Nachteil hatte, dass wir uns ausschließlich auf deutsche Literatur konzentrieren konnten. Ich habe in der Literatur aus Frankreich, Russland, Amerika oder England seither auch jobbedingt noch nicht wirklich aufgeholt. Bei den Neuerscheinungen gehe ich schwer selektiv und zugleich ganz quer Beet heran. In den letzten Jahren habe ich sehr viel aus dem Unterhaltungsbereich gelesen, Thriller von Sebastian Fitzek bis hin zu New-Adult-Romance, weil ich ein Gefühl für den Markt um mich bekommen wollte, für unterschiedliche Schreibstile und Genres. Denn das gehört genauso dazu: Wenn man nicht völlig naiv an eine Agentur oder einen Verlag herantreten will, sollte man wissen, was gerade am Buchmarkt läuft.
Ich weiß, dass du genau ich wie ich gerne Kaffee trinkst. Aber was darf es dazu sein? Kekse? Kuchen? Was ist deine bevorzugte „Nervennahrung“?
Schokolade!
Du bist als freie Pressesprecherin bei den Dresdner Musikfestspielen involviert und hast, eigentlich in einem Nebensatz, erzählt, dass du (genau wie ich) beim Konzert von Ronan Keating in der Jungen Garde warst und die Regenschlacht miterlebt hast. Wenn man so ein Konzert begleitet, leidet man dann mit Künstler und Fans mit, wenn es buchstäblich verregnet ist? Und wie hast du ihn in dem Moment erlebt? Was macht die Arbeit mit solchen Künstlern zu etwas besonderem?
Als Pressesprecherin bin ich faktisch gar nicht so viel backstage. Die Künstler treffe ich nur, wenn explizit Interviews anstehen. Aber das Konzert von Ronan Keating 2025 wird definitiv in die Festspiel-Geschichte eingehen. Es war anfangs ja eine einzige Zitterpartie, bei starkem Gewitter hätten wir die Veranstaltung aus Sicherheitsgründen absagen müssen. So viele Leute hatten sich darauf gefreut und haben tapfer durchgehalten. Ich glaube, alle waren am Ende so glücklich, dass trotz des Regens eine wirklich tolle Atmosphäre in der Jungen Garde aufgekommen ist. Unvergesslich! Genau diese Momente machen das Festival aus. Die Tage sind eng getaktet, das bringt uns manchmal an die Grenzen, aber wenn das Publikum schon bei den ersten Tönen mitgeht, singt, tanzt, jubelt, dann weiß man, wofür man das macht.
Liebe Nicole, vielen lieben Dank für Deine Zeit und das tolle Interview. Ich freu mich auf ein Treffen mit dir bei einer guten Tasse Kaffee und Schokolade. Bis dahin wünsche ich dir alles Liebe und Gute und viele tolle Ideen für Deinen nächsten Roman.