Der Gang vor die Hunde – eine Analyse

Die Analyse des Buches aus der Feder von Erick Kästner an (nicht wenigen) ausgewählten Szenen und Abschnitten ist Markus seine Art, sich mit dem Buch näher auseinanderzusetzen.

Schon in den ersten Kapiteln beobachtet der Ich-Erzähler das Berlin der späten zwanziger Jahre als Ort der Sünde, von Unsinn und menschlichen Abgründen.

Seite 45: Es geht um das eigene vorankommen, um Kapital und Macht. Europa befindet sich zu dieser Zeit klar erkennbar auf dem Weg ins Verderben.

Seite 54: Es ist dem Erzähler klar, dass die Vernünftigen nicht an die Macht kommen werden und die Gerechten noch weniger. Er nimmt dies teilnahmslos und gleichgültig hin.

Seite 55: Bei der Beschreibung der Zeit wird gezeigt, dass sich die Nazis im Aufwind befinden. Obwohl Erich Kästner das Werk schon Jahre vor deren Machtergreifung schrieb, schien deren Aufstieg dem Beobachter, der es auch sehen wollte, eindeutig zu erkennen zu sein.

Seite 56: Wie bei nicht weniger Büchern dieser Zeit wird vieles in der Gegenwart durch die Nachwirkungen des letzten und Vorahnung eines nächsten Krieges erklärt. Insbesondere letzteres ist beachtlich, da es noch fast ein Jahrzehnt dauerte und doch unausweichlich schien. Die Szene beschreibt offene politische Kämpfe zwischen den beiden radikalen Gruppen der Kommunisten und der Nazis als alltäglich, auch die Beschreibung der Arbeiterproteste zeugt von der Verrohung der Gesellschaft.

Seite 72: Der Erzähler beschreibt die Radikalisierung der Jugend. Die Figur von Labude glaubt, dass es an der Zeit sei die Führung zu übernehmen, den Kapitalismus zurückzuschrauben und die Technik auf ein vernünftiges Maß zu begrenzen. Es gilt, den Egoismus zu verabscheuen. Zurückführung in organische Zustände statt dem unvermeidlichem Zusammenbruch des Systems soll durch eine radikal bürgerliche Initiative erreicht werden.

Seite 76: Das Buch gibt dabei auch Lebensratschläge, wie dass „das Leben noch vor dem Tode erledigt werden muss“. Eine andere Meinung trifft den Zeitgeist „Amüsiert euch lieber, statt sie Menschheit zu erlösen.“ und bildet damit einen Gegenentwurf zu Labudes Vorstellungen. Fabian ist in dieser Phase noch unentschieden.

Seite 82: Es wird gesagt, dass „unsere Zeit mit den Engeln böse sei“.

Seite 83/84: Über Beziehungen wird gesagt, die seinen ein Geschenk. Die Familie (als gesellschaftliche Form) liege im Sterben. Eine Beziehung wird als Entscheidung gesehen, Verantwortung für Andere zu übernehmen, einschließlich des Risikos, zur Belastung zu werden. Bezahlung einer Person ist billiger, als sie von sich aus geschenkt zu bekommen und den moralischen Wert des Geschenkes rück zu vergüten.
Geschenke werden als Ware ohne Wert verstanden, als faules Geschäft.

Seite 91: Berlin wird als modernes Sodom und Gomorrha beschrieben. Fabian sieht sich als Kenner des AbgrundeSeite  Die Bewohner Berlins gleichen einem IrrenhauSeite  Alles dreht sich um Verbrechen, Gaunerei, Elend und Unzucht. Es strebt einem Untergang entgegen dem die Dummheit folgt.

Seite 105: Die Technik und die erhöhte Produktivität werden als Feind der Menschen gesehen. Maschinen werden zu Kanonen gegen die Arbeiter.

Seite 143: Fabian habe Angst das Glas zwischen sich und den anderen zu zerbrechen. Die Welt hält er der Beschreibung nach für eine Schaufenster Auslage.

Seite 144: Es interessantes Bild ist das der Menge, in der jeder jeden bestiehlt. So gibt es in Wirklichkeit nur Gewinner, die gleichzeitig Verlierer sind.
Fabien hat diesen Albtraum des erlebten, in dem alle menschlichen Abgründe zusammen erscheinen.

Seite 149: Es wird Thematisiert, ob der Propagandist zur Volkserziehung taugt, was ein tragischer Vorgriff auf die Propaganda im dritten Reich war. Reklame solle sich in den Dienst von Idealen stellen. Leider waren es die falschen.
Sieg oder Niederlage der idealistischen Aufklärung setzen viel Geld voraus und für ideale gibt keiner Geld auSeite

Seite 152: In seiner Verzweiflung fragt sich Fabian, ob man nicht „bis auf Widerruf vor sich selbst davonlaufen“ könne. Die Erkenntnis holt ihn ein, das Ablegen seiner Passivität führt zu einer Verzweiflung.

Seite 154: Cornelia sagt „man kommt nur aus dem Dreck heraus, wenn man sich dreckig macht“ und rechtfertigt damit, dass sie sich für ein vermeintlich besseres Leben zum Preis ihres Körpers aufopfert.

Seite 169: Cornelia will lieber eine unglückliche Frau sein, der es gut geht. Sie weiß, „in Berlin wird einem nichts geschenkt, hier wird getauscht. Wer haben will muss hingeben was ist.“ Sie gibt sich, ihren Körper, ihre Freiheit und damit auch Fabian auf.

Seite 171: Aus der Not heraus hat sich Cornelia verkauft, auch für Fabian. „Nun brauchen wir keine Sorgen [mehr] zu haben und sie sind größer als zuvor.“ Aufopferung hat ihren Preis – ein Leitmotiv des BucheSeite

Seite 184: „Wer für die anderen da sein will, der muss sich selber fremd bleiben.“ Sich aufzuopfern heißt, sich zu opfern, ehrlich Aufopferung heißt sich hinten anzustellen.

Über das „Erbe“ Labudes wird es einen Kampf geben, um die Aufteilung dessen, was es noch gibt. Diejenigen werden lieber alles zerstören, damit es kein anderer bekommt.  Es werden Marktschreier sein, die stolze Parolen erfinden und die das eigene Gebrüll besoffen macht. Ein weiterer Verweis auf die Propagandisten dieser Zeit, Kommunisten wie Nationalsozialisten, deren Geschrei wichtiger ist, als das, was sie schreien.

Seite 199: Die sichtbaren Folgen der Lüge, die Labude das Leben kosteten, waren eher temporärer Natur. Verdient der Täter nicht eher Mitleid als Hass, wird er nicht lebenslang darunter leiden? „Der talentlose Konkurrent hatte sich am Begabten gerächt“. Als Konsequenz der Wahrheit geht es Fabian nicht besser – wem war mit der Wahrheit gedient?

Seite 201: Die Schuld für die Umstände wird in den langen Schatten des 1. Weltkrieges und der weiterhin belastenden Reparationszahlungen gesehen. Eine grundsätzliche Ansicht die häufig mit dem Aufstieg der Nazis in Verbindung gebracht wird. Es werden sowohl die Position Frankreichs, als auch der USA kritisch angesprochen.

Seite 202: Es wird gefragt, ob Moral durch Wohlstand erreichbar ist? Ist Frage der Weltordnung eine Frage der Geschäftsordnung? „Noch in dem Paradies, das du erträumst, werden sich die Menschen gegenseitig die Fresse vollhauen.“ Welcher gesellschaftliche Zustand wäre ertragbarer?

Seite 204: Zwischen Fabian und der Wahlheimat Berlin wurden alle Bande getrennt. Beruf, der beste Freund, Cornelia – was sollte er noch in dieser Stadt. Die Stadt als Symbol des Niedergangs hatte ihn eingeholt. Er flieht nach Hause – Dresden.

Seite 205: Erneut taucht Frau Irena Moll auf, Symbol der modernen Frau, des Widerstandes gegen das Althergebrachte. Sie verhält sich, wie es die Männer tun, ist sie damit eine zu aufgeklärte Frau?

Seite 209: Fabian fehlt, auch abgesehen vom Verlust von Labude und Cornelia ein Fixpunkt. Seine Mutter, als Sinnbild des gestrigen, meint, es liegt an fehlendem Glauben. „Er glaubt nicht an Gott“ …, „ihm fehlt der ruhende Punkt“.

Seite 211: Fabian erinnert sich an seine Zeit als Schüler und an die Erziehung in der Kinderkaserne: „Es war manchmal schön gewesen, aber nur trotzdem.“ Der Nachhall der autoritären Erziehung im Kaiserreich und die Beamten, die geblieben waren, hielten in ihrer Wirkung noch sehr lange an.

Seite 215: Fabian schöpft neue Kraft, weiß dass er im Stehenbleiben in Wahrheit zurückfällt. „Ich will arbeiten, mich betätigen, ein Ziel vor Augen haben. Wenn ich keins finde, erfinde ich eineSeite  So geht es nicht weiter.“ Aufbruch statt Aufgabe, das (letzte) Aufbäumen.

In Kapitel 22/23 ist er in seiner Heimatstadt – Dresden, Fabian ist damit als Facette Erich Kästners zu sehen.

Seite 217/18: In Dresden herrscht ein anderes Zeitgefühl, ein Aufbruch (Nationalsozialismus) beginnt, denn „so geht das nicht weiter.“ … “Es gilt einen Verzweiflungskampf“ als Reaktion der Zeiten. Fabian fragt seinen Bekannten, „Wo nehmt ihr (Nationalsozialisten) die Dreistigkeit her, sechzig Millionen Menschen den Untergang zuzumuten, bloß …“ aus gekränktem Ehrgefühl. Aus dem Argument, dass es schon immer so gemacht wurde, alles so gemacht werde, wie es früher gemacht wurde, erkläre sich die sichwiederholende Weltgeschichte.

Seite 224: Hier (in Dresden, Symbol des Rückstandes) für hatte Deutschland kein Fieber (im Gegensatz zu Berlin), er waren tatsächlich abgeschwächte Zustände, bedeutet also „NOCH kein Fieber“.

Seite 230: Das Buch endet mit einem abrupten, bitteren und beklemmenden Schluss mit großem Symbolcharakter

Beim Versuch, etwas Richtiges zu tun, beendet Fabian aufgrund des eigenen Unvermögens das eigene Leben. Das hat sehr hohen Symbolcharakter. Es ist ebenso eine Einschätzung der Zustände, der Gesellschaft, Auslöser, Folgen und absehbare Entwicklungen.

Der Unterschied zwischen Fabian und Kästner wird erst hier deutlich. Fabian ertrinkt, beim Versuch etwas zu retten, was sich selber retten kann.

Kästner geht nicht soweit, wenn es darum geht Deutschland (symbolisch als kleiner Junge) zu retten. Kästner trägt (kann als Vorausahnung gesehen werden) zwar Spuren davon (die Bücherverbrennung), überlebte aber. Deutschland hingegen erlebte einen nie dagewesenen Tiefpunkt – überlebt jedoch auch, nicht unverletzt jedoch wie der Junge bei Fabian.

Es gibt 4 Anhänge, zum Teil die Vorworte Kästners zu verschiedenen Erscheinungszeitpunkten des Buches „Fabian“.

Darin werden Fabian bzw. Kästner als Moralist erklärt, der im krassen Gegensatz zum moralisch verwerflichen, zumindest zweifelhaften Inhalt des Buches gestellt wird.

Als politische Einschätzung werden die Völker Europas zu dieser Zeit wie störrische Esel beschrieben, die rückwärts dem Abgrund entgegen laufen.

 

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