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Im Gespräch über Kinderbuch, Krimis und Buchmesse – mit Christine Sylvester

Die Dresdnerin Christine Sylvester, die ich bereits persönlich kennenlernen durfte und die ich im Sommer zu einer Wohnzimmerlesung bei mir zu Hause begrüssen darf, steht mir heute im Vorfeld zur Leipziger Buchmesse Rede und Antwort. Dabei geht es um Kinderbücher, Krimis und natürlich um die Premiere ihrer beiden neuesten Werke auf der Leipziger Buchmesse 2014.

Katja: Liebe Christine, herzlich willkommen auf meinem Blog und schön das Du Dir die Zeit für einen kleinen Plausch nimmst.

Erzähl uns doch erst einmal etwas über Dich. Was macht den Familienmenschen Christine, den Bodyguard für einen schwarzen Schäferhund und die Schriftstellerin aus? Welche liebenswerten Eigenschaften und Macken vereint diese Person in sich?

Christine: Oh, oh, wenn ich jetzt anfange, Macken aufzuzählen, kann das dauern. Im Übrigen ist eine meiner eher liebenswerten Eigenschaften, dass ich versuche, diese Macken nicht allzu sehr nach außen zu tragen. Aber grundsätzlich bin ich ziemlich ungeduldig, kann sehr aufbrausend sein und bin manchmal vielleicht etwas zu direkt. Wie gesagt, ich versuche, das möglichst geringfügig auszuleben … und ernte von meinen Kindern schon mal ein genervtes Abwinken mit dem Kommentar: „Ach, Mami ist im Lale-Modus.“

Sir Henry, der ängstliche „Höllenhund“, ist vermutlich inhaltlich am besten eingeweiht in meine Ideen. Dem erzähle ich auf den Hunderunden,  Christine Sylvester_2 - bearbeitetwas ich gerade so aushecke. Wenn er reden könnte, wäre ich geliefert 😉

Einer, der natürlich mitredet, ist mein Mann. Gnadenloser Textkritiker, inspirierender Ideenlieferant, Rücken freihalten in intensiven Arbeitsphasen – wirklich Unterstützung auf der ganzen Linie.

Eigentlich sind wir eine ganz normale Familie. Aber da ich schon oft von anderen Autorinnen gehört habe, dass sie weitaus mehr um Schreibzeit und kreative Unterstützung kämpfen müssen, scheine ich besonderes Glück mit meinem „Rudel“ zu haben. Die sind richtig klasse! Und ich fürchte, ich bin für meine Umgebung recht anstrengend, weil ich ständig ein Feuerwerk im Kopf habe.

Katja: Du bist von Deiner Ausbildung her sehr vielseitig: abgeschlossenes Studium mit Diplom in Journalistik, Umwege über Soziologie und Theaterwissenschaften und Deine heimliche Leidenschaft Philosophie. Wie passt das alles zusammen und was machst Du jetzt aktuell beruflich?

Christine: Bücher schreiben und „irgendwas mit Medien“ 😉 Wenn ich nicht schreibe, halte ich Kurse mit medienpädagogischen Inhalten für Sozialassistenten und Erzieher. Dabei geht es vor allem um kreative Projekte: Wir basteln Hörspiele für Kinder, machen Fotostories für Jugendliche, Zeitschriften, Websites. Das macht einen Mordsspaß – also mehr Spaß als Mord 😉 … Ohne diese Erfahrungen hätte ich mich vermutlich nicht an die Königsdisziplin Kinderbuch gewagt.

Katja: Dein bevorzugtes Schreib-Genre sind ja ganz eindeutig die Krimis, wobei auch ein Kinderbuch, eine Kurzgeschichte und ein typischer Frauenroman Deine Bibliographie schmücken. Warum gerade Krimis? Was bereitet Dir daran so viel Freude?

Christine: Ich mag es gern, wenn es spannend zugeht und die Handlung rasant abläuft. Außerdem sind Krimis ja auch Romane. Es geht um die menschliche Existenz und ganz klassische Themen wie Liebe, Tod, Neid, Gier, Rache. Ich finde es sehr reizvoll, das in einen denkbaren, also realitätsnahen Alltag zu verpacken, mit intensiven Figuren anzureichern und mit Situationskomik zu kombinieren.

Krimi ist natürlich auch konzeptionell eine Herausforderung, da muss ja jede noch so kleine Komponente abgestimmt sein. Das macht mir einfach Spaß. Ich lebe da keine dunkle Seite aus oder habe meine „Mörderseele“ entdeckt. Es sind mehr gesellschaftliche Umstände, Biografien der Figuren und ihre Psychologie, was mich am Schreiben allgemein reizt.

Die Geschichten allerdings liegen sowieso auf der Straße. Und sobald man sie einsammelt, bemerkt man, dass sie fast alle ziemlich viel kriminelles Potenzial haben.

Katja: Am bekanntesten sind wahrscheinlich die Krimis rund um die Kommissarin Lale Petersen, die in unserer gemeinsamen Heimatstadt Dresden spielen. Wie kam es dazu, dass Du Dich ausgerechnet für diesen Handlungsort entschieden hast? Hätte Deine Krimi-Reihe nicht in jeder x-beliebigen Stadt angesiedelt werden können?

Christine: Nicht doch! Ein guter Regionalkrimi muss schon ursächlich mit der Region verwoben sein. Da hängt alles mit allem zusammen und zerfällt, wenn man einfach so den Ort austauscht. Ich bin selbst Wahl-Dresdnerin, und Lale Petersen ist ebenfalls „zugezogen“. Da ich als Journalistin mein Dresden-Dasein gestartet habe, sind so manche Erlebnisse und Erfahrungen durchaus authentisch.

Katja: Wie bist Du auf die Idee für diese Krimi-Reihe gekommen? Hat Lale ein direktes Vorbild?

Christine: Entstanden ist die Reihe ursprünglich durch einen Wettbewerb für Dresden-Krimis vom Kahl Verlag. Den haben Lale und ich gemeinsam mit „Barocke Engel“, also Lales erstem Fall, gewonnen und dann gleich mal weiter ermittelt …

Ein Vorbild hat Lale nicht, dazu ist die Kommissarin mit der großen Klappe, dem schrägen Sarkasmus und der Vorliebe fürs schnelle Arbeiten zu speziell. Die Figuren sind allesamt komplett erstunken und erlogen. Ich verarbeite keine realen Personen oder Kontakte in meinen Büchern; gute Romanfiguren sind dafür viel zu eigenständig.

Katja: Wo nimmst Du all die Informationen zur Arbeit der Polizei und der Kommissare her? Und die Ideen zu den Morden, den Tatwaffen, der Hintergrundgeschichte?

Christine: Die Informationen zur Polizeiarbeit entnehme ich auf jeden Fall nicht Fernsehkrimis, sondern lieber Fach- und Sachbüchern, oder ich frage direkt nach. Grundsätzlich geht es ja nicht darum, detailgetreu die Polizeiarbeit zu erklären. Ich fürchte, da müsste ermüdend viel Papierkram beschrieben werden. Lale Petersens Mordkommission befindet sich in einem Stockwerk, das es in der Polizeidirektion gar nicht gibt. Und die Mitarbeiterzahl bleibt auch viel überschaubarer als das real möglich ist.

Bei Buchrecherchen geht es ganz oft darum, Namen oder Zusammenhänge zu finden, die es so NICHT gibt. Zum Beispiel in „Muschebubu“ steckt eine ganze Menge aus der Sachsensumpf-Affäre, natürlich reichlich geschüttelt und gerührt. Und auch Lales neuester Fall „PsychopathenPolka“ enthält viel ernsthaften Hintergrund; wenn ich darauf jetzt genauer eingehe, wäre das allerdings „spoilern“.

Die Lale-Krimis sind immer eine Mischung aus Arbeit und Privatleben der Figuren. Lale ist allein erziehende Mutter eines fast erwachsenen Sohnes, der Staatsanwalt ist ihr Ex-Mann, ihre Nachbarin ist mit Lales Lieblingskollegin Mandy befreundet …

In meinem anderen neuen Krimi „Schattenleben“ spielen historisch-politische Zusammenhänge, beide Teile Nachkriegsdeutschlands und der gesamte Kalte Krieg eine wichtige Rolle. Dort findet nur die Rahmenhandlung in der Dresdner Region statt, es ist  kein Ermittlerkrimi und insgesamt als Thriller angelegt. Im Mittelpunkt steht ein Tagebuch, das zur Aufklärung unterschiedlicher Verbrechen beiträgt. Dabei geht es viel um menschliche Grenzsituationen, Ethik und Moral.

Etwas ganz Anderes ist „Der Verlobte. Vom Heucheln und Meucheln“. Dieser Krimi ist ein Kammerstück, eine Persiflage auf Agatha-Christie-Krimis und hat einen sehr schwarzen Humor.

Katja: Warst Du schon einmal bei einer Autopsie dabei? Und wenn nein, würdest Du Dir das anschauen wollen?

Christine: Nein, ich war noch nicht dabei. Ich habe die Rechtsmedizin schon von innen gesehen, aber nicht bei der Arbeit. Allerdings schreibe ich ja auch nicht aus der Sicht der Rechtsmediziner.

Ablehnen würde ich eine solche Möglichkeit nicht, aber ich würde mich aktuell nicht darum bemühen, weil ich es so im Moment nicht wirklich brauche. Sollte ich irgendwann einen Arztroman schreiben, würde ich bei so komplexen Inhalten vermutlich ein Praktikum anstreben. Aber die Aussicht halte ich doch eher für unwahrscheinlich.

Katja: Auf der Leipziger Buchmesse wirst Du in diesem Jahr dabei sein und gleich zwei neue Bücher während Lesungen präsentieren. Beide Lesungen sind sogar Premierenlesungen. Ist man als Autorin vor einer Lesung aufgeregt, ganz besonders wenn es eine Premiere ist? Oder gewöhnt man sich daran?

Christine: Also, ich mache wirklich gern Lesungen und freue mich darauf, in nächster Zeit wieder mehr Veranstaltungen zu haben. Nach zwei Büchern ist es ganz schön, sich wieder mehr mit realen Personen zu beschäftigen. Aber aufgeregt bin ich natürlich, weil es neue Texte sind, weil lauter Büchermenschen dabei sind, und weil es irgendwie feierlich ist, ein Buch zum ersten Mal zu präsentieren. Das wird sich wohl nie ändern, auch wenn man das zehnte Buch präsentiert. Es ist eben wie die erste Aufführung eines Stückes im Theater. Das Lektorat und der Verlag sind nur die Generalprobe. Und ein bisschen Adrenalin gehört dazu, das ist gut so. Dass ich das gleich zwei Mal umsetze in diesem Jahr, ist schon besonders aufregend, zumal es so unterschiedliche Bücher sind.

Katja: Gibt es einen Unterschied zwischen einer „normalen“ Lesung und der Lesung auf einer Buchmesse?

Christine: Ja, aber auch die anderen Lesungen unterscheiden sich. Keine ist wie die andere. Auf der Buchmesse ist natürlich Messeatmosphäre; man hat immer ein leises Murmeln im Hintergrund, viel Bewegung drum herum. Und ich habe beide Premierenlesungen am Samstag. Da ist es auf der Buchmesse erfahrungsgemäß sehr, sehr voll.

Katja: Wirst Du auf der Buchmesse „nur“ als Autorin unterwegs sein oder auch mal die ein oder andere freie Minute nutzen, um Dich selbst umzusehen und vielleicht neuen Lesestoff zu sammeln?

Christine: Ich freue mich darauf, andere Autoren zu treffen; man lernt doch mit der Zeit sehr spannende Leute kennen, auf gemeinsamen Lesungen oder beim „Syndikat“ oder bei den „Mörderischen Schwestern“ oder beim Autorenforum Montségur. Außerdem trifft man Leute von den Verlagen sonst selten persönlich. Das Gleiche gilt für Agenten, Lektoren und auch Blogger. Es finden sonst ja doch sehr viele Kontakte online oder telefonisch statt.

Im Übrigen freue ich mich natürlich auch auf Leser, und selbstredend auf neue Bücher. Natürlich schaue ich mich da genauer um, wenn es denn die Zeit zulässt; so ein Messetag rinnt einem ganz schnell durch die Finger.

Katja: Was liest Du gern? Welches Buch hat Dich als Kind fasziniert und was liegt aktuell zum Lesen bei Dir bereit?

Christine: Also, Pippi Langstrumpf war immer ganz weit vorn, auch Pumuckl mochte ich. Über meine Großmutter kam ich zur Lektüre der Kästner-Kinderbücher und der „Nesthäkchen“-Bände von Else Ury.

Dann folgte eine konsequent kriminelle Phase: „Die drei Fragezeichen ???“. Das war damals noch neu, und es gab noch längst nicht so viele Detektivgeschichten für Kinder.

Als Jugendliche hat mich das Philosophie-Fieber gepackt, namentlich Jean-Paul Sartre. Erst Romane und Theaterstücke, später die Essays, Briefe und philosophischen Schriften. „Engagierte Literatur“ ist da sicher ein passenderes Stichwort.

Inzwischen lese ich gern lateinamerikanische oder spanische und portugiesische Erzähler, und ich mag die Romane von Haruki Murakami sehr. Aktuell liegen auf meinem Schreibtisch allerdings „Der Vorhang“ und „Die Kunst des Romans“ von Milan Kundera zur wiederholten Lektüre.

Und ich habe eine diebische Freude an alten Science-Fiction-Geschichten wie denen von Isaac Asimov, Stanislaw Lem, Ray Bradbury.

Katja: Du hast ja selbst zwei Kinder, ein Kinderbuch geschrieben und das Thema Kinderbücher wird auch auf der Buchmesse stark vertreten sein. Was meinst Du, warum Kinder zu lesen angehalten werden sollen? Ist es überhaupt wichtig, dass der Mensch liest.

Christine: Lesen ist für Kinder sehr wichtig, und ich meine das nicht bildungsbürgermäßig, sondern vor allem psychologisch. Das fängt mit dem Vorlesen an, geht über Hörspiele und eben die eigene Lesekompetenz. Lesen erzeugt Kopfkino, regt die Phantasie also enorm an, und das ist eine Kulturtechnik, die man dann in allen Bereichen braucht. Phantasie beflügelt und befähigt zu kreativen Problemlösungen. Das gilt natürlich nicht nur für das Lesen, sondern auch für Bewegung und Musik. Ich denke, es sollte eine gute Mischung aus allem sein.

Zum Lesen anhalten funktioniert übrigens nur durch ein aktives Vorleben. Eltern sollten ihre Kinder für verschiedene Dinge begeistern. Per Anordnung macht es keinen Spaß, und was keinen Spaß macht, macht auch nicht glücklich.

Die Kinderbuchlesungen auf der Buchmesse sind auch für Erwachsene ganz entzückend. Das ist natürlich auch ein ganz besonderes Publikum – besonders aufmerksam, aber auch besonders anspruchsvoll. Da lausche ich immer gern hinein.

Katja: Im April findet der Welttag des Buches mit vielen Aktionen statt. Ich selbst habe mich als Buchschenker dafür beworben und werde an dem Tag einige Bücher verschenken. Wenn Du die Möglichkeit hättest, 10 Titel eines Buches zu verschenken – welcher Titel wäre das? Und wem würdest Du das Buch in die Hand drücken?

Christine: Ein Buch, das alle Altersgruppen gleichermaßen erreicht und das man immer wieder lesen kann und sollte: „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry.

In die Hand drücken würde ich es Leuten, die sich einsam oder hilflos fühlen.

Katja: Gehst Du selbst gern auf Lesungen anderer Autoren? Welche hast Du zuletzt besucht, wie war Dein Eindruck. Und welchen Autoren würdest Du auf diese Art gern einmal kennenlernen?

Christine: Zuletzt war ich auf einer Lesung von Emilia Licht, mit der ich auch befreundet bin. Das war schon etwas Besonderes, weil ich bereits Teile ihres Manuskriptes kannte, bevor das Buch veröffentlicht wurde. Meist bin ich auf Lesungen von Autoren, die ich bereits persönlich kenne und mit denen ich auch gemeinsam Veranstaltungen mache. Auf solche Gemeinschaftslesungen freue ich mich auch beim Buchmessen-Rahmenprogramm von „Leipzig liest“. Aber das ist weniger „abgehoben“ als es vielleicht klingt. Es ist wie in jedem anderen Beruf: Mit netten Kolleginnen und Kollegen trifft man sich auch jenseits des Arbeitstages und die Grenzen zwischen beruflich und privat werden fließend.

Ich kann jetzt nicht konkret sagen: „Den und den oder die und die wollte ich schon immer mal kennenlernen.“ Wenn ich solche Wünsche habe, kann ich die entsprechende Person schließlich kontaktieren. Damit habe ich übrigens nur gute Erfahrungen gemacht und würde mir wünschen, dass auch Leser viel direkter auf Autoren zugehen, oder eben einfach anfragen. Deshalb mache ich zum Beispiel so gern mit den Lale-Krimis „Krimispaziergänge“ zu buchstäblichen Tat- oder Handlungsorten, die dann am besten in einem gemeinsamen Picknick enden. Man kommt dabei noch besser mit Lesern ins Gespräch als bei klassischen Leseveranstaltungen. Ich denke, im Mai oder Juni wird es wieder soweit sein – diesmal natürlich mit „PsychopathenPolka“.

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3 thoughts on “Im Gespräch über Kinderbuch, Krimis und Buchmesse – mit Christine Sylvester

  1. Liebe Katja,

    ich bin gerade über Dein Interview mit Christine Sylvester gestolpert. Ich durfte sie neulich in Dresden kennenlernen. Wir plauderten bei Cappucino über Gott und die Welt, als würden wir uns schon ewig kennen. Sie ist wirklich eine taffe Frau.
    Darf ich mir Dein Gespräch mit Christine ausdrucken?
    Danke für diesen tollen Beitrag!!!

    liebe Grüße

    Uschi

      1. Liebe Katja,

        vielen Dank für Deine freundliche Erlaubnis. Ich werde es mir bei Gelegenheit ausdrucken. Die Tinte ist mir ausgegangen, weil ich das Gesamtmanuskript meines neuen Romans gerade ausdrucke.

        Liebe Grüße

        Uschi

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