Mit Kökkenmöddinger unterwegs in Dresden

Christine & ich

Ortstermin in Dresden: Im Lichthof des Albertinums, einem Teil der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, treffe ich bei einem leckeren Kaffee auf Christine Sylvester, die mir einmal mehr Rede und Antwort steht.

Das zentrale Thema dieses Mal ist das neue Buch von Christine Sylvester, das in wenigen Tagen auf dem Markt erscheinen wird.

Gekrönt wird dieser Sonntagmorgen durch einen gemeinsamen Spaziergang auf den Brühlschen Terrassen, bei dem das ein oder andere tolle Bild von Dresden entstanden ist.

Katja: Anfang März, genauer gesagt am 5. ist es soweit und der erste Band mit Deinem neuen Protagonisten Kökkenmöddinger erscheint im Buchhandel. Wie bist Du auf die Idee zu diesem Buch gekommen? Wie ist diese Idee entstanden?

Christine: Der Taxifahrer Kökkenmöddinger spukt schon seit einiger Zeit durch meine Gehirnwindungen. Er war mal als Randfigur für ein anderes Manuskript gedacht, aber wie das mit manchen Figuren so ist … Sie haben das Zeug zu mehr. Eigentlich war er mir als Nebenfigur schnell zu schade. Insofern kannte ich Kökkenmöddinger schon ganz gut, als die Anfrage nach einer weiteren Dresden-Serie aus Berlin kam.

Katja: Kökkenmöddinger ist ein Däne, den es nach Dresden verschlagen hat. Er ist auch der zweite Protagonist, der in Dresden agiert. Warum ist Dresden Handlungsort für Deine Bücher?

Christine: Nun ja, aller Anfang war Lale Petersen, die Kommissarin mit der großen Klappe. Sie kam 2005 nach Dresden, als ein Dresden-Krimi-Wettbewerb von dem damals noch neuen Kahl Verlag in Dresden ausgeschrieben wurde. Mein damaliger Partner legte mir die Ausschreibung auf den Schreibtisch und meinte: „Wenn du einen Literaturwettbewerb gewinnen willst, mach doch einfach mal bei einem mit!“

Zwei Wochen später war „Barocke Engel“ entstanden. Zwei Monate später hatte „Barocke Engel“ den ersten Platz belegt. Weitere Lale-Krimis folgten: „Muschebubu“, „Oh du tödliche“, „Pätschwörk“ und zuletzt „PsychopathenPolka“ (2014 bei Sutton erschienen).

Bei der Lale-Serie ist es wie bei Kökkenmöddinger allerdings nicht so, dass sie als Krimis in Dresden spielen, weil jeder Krimi ja einen Handlungsort braucht. Sie sind echte Regionalkrimis, können also nur hier in Dresden stattfinden, weil die spezifischen Befindlichkeiten die Hauptrolle spielen. Meine Protagonisten kommen von außerhalb, weil ich auch von außerhalb komme. Lale ist aus Hamburg zugezogen, Kökkenmöddinger ist – wie er selbst sagt – „eingewachsener Dresdner“.

Nicht alle meine Bücher spielen übrigens in Dresden. Und ein Frauenroman, der demnächst in Neuauflage erscheint und eine Fortsetzung bekommt („Sachsen-Sushi“) wurde komplett neu auf Dresden ausgerichtet, weil es ein Wunsch des Verlages war und sich inhaltlich bewährt hat.

„Schattenleben“ zum Beispiel spielt nur teilweise in und um Dresden und ist alles andere als ein Regionalroman, und „Der Verlobte“ ist überhaupt nicht regional gebunden.

Katja: Du bist ja in Bielefeld geboren und lebst seit vielen Jahren in Dresden. Warum ist gerade diese Stadt Dein Lebensmittelpunkt geworden? Was hast Du über Dresden gewusst, ehe Du hier her gezogen bist?

Christine: Ja, ich komme aus Bielefeld, habe aber die meiste Zeit meines Lebens woanders verbracht … Aufgewachsen bin ich in Bad Mergentheim, war dann in Fulda, zwischendurch mal wieder ein Abstecher nach Bielefeld, dann Bochum mit Ausreißern nach Dortmund, Hamburg und Saarbrücken.

Ich war etwas rastlos, und meine damals noch kleine Familie – mein Sohn wurde gerade zwei Jahre alt – hat bei Dresden „Hurra!“ geschrien. Und als ich ankam, habe nicht nur ich mich spontan sauwohl gefühlt.

Und das geht jedem, der mich besucht so. Ich mag die sächsische Mentalität, den ausgeprägten Humor, die Freundlichkeit. Das ist nicht auf Dresden begrenzt. Ich fühle mich auch in Leipzig – nicht nur zur Buchmesse – sehr wohl, und Görlitz gefällt mir ebenfalls ausnehmend gut. Deshalb ärgern mich auch Pegida, Legida und solche Auswüchse und ihre Wirkung. Ich habe die Sachsen immer als besonders weltoffen und an allem und jedem interessiert erlebt. Meine beiden Kinder gehen mit den verschiedensten Nationalitäten zur Schule. Wir sind mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarben befreundet. Das war nie ein Problem, warum auch?

Ich wusste wenig über Dresden, bevor ich hierher gezogen bin. Gut, natürlich kennt man Dresden und das, was die Reiseführer und sonstige Fachliteratur so hergeben. Ich musste auch nicht auf die Karte schauen, um zu wissen, wo Dresden liegt. Jedenfalls bin ich in Dresden schon nach kurzer Zeit „angekommen“.

Katja: Was fasziniert Dich an der Stadt?

DSC00058Christine: Ihre Vielseitigkeit, die Atmosphäre, manche Widersprüche. Diese Stadt hat ihren ganz eigenen Rhythmus. Und ich habe hier bisher fast nur tolle Menschen kennen gelernt. Oder ganz einfach: Ich habe mich noch nie irgendwo dauerhaft so wohl gefühlt wie hier.

Katja: Zurück zu Kökkenmöddinger: Warum ist es gerade ein Däne, den es nach Dresden verschlagen hat? Und wie kamst Du auf die Idee, einen Taxifahrer ermitteln zu lassen?

Christine: Der dänische Taxifahrer Kökkenmöddinger fühlt sich – wie oben beschrieben – schon länger ganz wohl in meinen Hirnwindungen. Kökkenmöddinger‘ ist ein skandinavisches Wort für prähistorische Abfall- oder Muschelhaufen. Ich habe meine Figur so genannt, weil sie interessante Beiläufigkeiten sammelt und Wichtiges heraussucht. Kökkenmöddinger konnte nur Däne sein … und wie er selbst sagt, ist die logische Konsequenz für ihn Taxifahren: „Meine Vorfahren waren Wikinger, die rund um die Uhr in Schichten ruderten, um ihre Plünderfahrten zu unternehmen. Da musste ich doch Taxifahrer werden.“ Und er ist Doktor der Philosophie. Bei Dänemark denke ich da an Kierkegaard. „Kökki“ ist als Fan deutscher Philosophen zum Studium nach Deutschland gekommen.

Außerdem ist er ein echter Däne, er ist „hyggelig“, ein dänischer Begriff für gemütlich, entspannt, atmosphärisch usw., den man nicht direkt übersetzen kann. Ich finde, das trifft auch die sächsische Mentalität – gemütlich, ohne dabei langsam oder langweilig zu sein. Die Dänen, die ich kenne, würden ebenfalls am besten in diese Ecke Deutschlands passen …

Katja: Ist ein Zusammentreffen Deiner beiden Serienhelden Lale Petersen – die Polizistin und Kökkenmöddinger, dem Taxifahrer geplant? Könntest Du Dir ein Buch, in dem beide Figuren gemeinsam ermitteln, vorstellen?

Christine: Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die beiden über den Weg laufen, fahren oder ermitteln. Aber erst mal werden sie ihre Angelegenheiten jeder für sich regeln. Wer weiß, vielleicht braust Mandy Kökkenmöddinger ja irgendwann in ihrem rasanten Fahrstil ins Taxi … Oder Lale springt in Kökkis Taxi und ruft: „Folgen Sie diesem Wagen!“ Dauerhaft kann man sich ja in Dresden gar nicht aus dem Weg gehen.

Kurzum: Ich kann mir ein Buch vorstellen, in dem beide agieren. Das müsste dann allerdings auch aus beiden Perspektiven erzählt werden und hätte eine etwas andere Erzählweise.

Katja: Bei einem Bummel durch Dresden – was sollte man sich anschauen? Welche Sehenswürdigkeiten sind ein absolutes Muss?

Christine: Oje, wie soll ich denn da eine Auswahl treffen? Also, mich fasziniert an der Altstadt vor allem, dass sich die Bauwerke der DSC00113Jahrhunderte quasi „stapeln“. Die Brühlsche Terrasse steht auf den Resten der alten Festung. Ich würde sagen, man muss mal tief ins Innere eintauchen und sich die Kasematten anschauen, und dann hoch hinaufklettern, um sich vom Hausmannsturm aus einen Überblick zu verschaffen.

Am Abend allerdings würde ich die Neustadt zum Flanieren empfehlen, nicht nur die innere Neustadt, sondern auch das Hechtviertel. Man entdeckt viele kleine exotische Restaurants, nette Bars und kann Kulturveranstaltungen finden, die abseits vom Mainstream sind.

Ich mag auch Dresdens kleine Bühnen und Theater besonders gern … die St. Pauli Ruine, das Theaterhaus Rudi oder das Theater Junge Generation – und alle kleinen Und Kleinstbühnen, die mir jetzt vor lauter Schreck gar nicht alle einfallen.

Außerdem kann man auch mit Kindern sehr schön kulturelle Dinge unternehmen … Hygienemuseum oder Technische Sammlungen sind da Beispiele, die mir spontan einfallen. Oder auch die „Zschoner Mühle“ mit Gastronomie und Puppentheater.

Außerdem sind Radtouren an der Elbe im Frühjahr und Sommer wunderbar. Man kann gemütlich von Biergarten zu Biergarten, von Schloss zu Schloss radeln. Ich würde allerdings dafür einen Werktag empfehlen, denn am Wochenende wird es voll auf den Elbe-Radwegen.

Die Dresdner Heide grenzt direkt an die Stadt an und ist so groß, dass man ganz unterschiedliche Ecken entdeckt. Mein favorisiertes Fleckchen ist natürlich der Mordgrund, um den sich eine tragische Sage rankt.

Ich erwarte in den kommenden Monaten recht viel Besuch aus dem Westen und bereite eine Tour durch Dresdner Erfindungen vor. Denn Dresden ist ein Mekka innovativer Ideen, die heute für uns zum Alltag gehören. Ich freue mich schon auf die staunenden Gesichter meiner Freundinnen.

Ja, und dann ist da noch die Musikszene, die Künstlerszene jenseits des offiziellen Kunstbetriebs … und natürlich die vielen anderen Autoren. Katja, das wird ein neues Buch 😉

Zuletzt hat mich die Atmosphäre im Lichthof des Albertinums so beeindruckt, dass es zum Inhalt des ersten Kökkenmöddinger-Krimis geworden ist.

Katja: Deine neue Figur Kökkenmöddinger isst und kocht ja sehr gern. In welchen Restaurants der Stadt würde man ihn antreffen, wenn die Figur real wäre?

Christine: In jedem irgendwann, denn er isst ja grundsätzlich alles gern. Kökkenmöddinger mag Pizza ebenso gern wie asiatische, indische oder pakistanische Gerichte, liebt Fisch und auch Hausmannskost. Wenn ich jetzt Restaurantnamen aufzählen soll, bin ich überfordert. Die merke ich mir nicht. Da halte ich es wie Kökkenmöddinger: Im Vordergrund steht die Speisekarte.

Er selbst versucht, die skandinavische Küche mit der sächsischen Küche zu kombinieren. Das wird noch wilde Blüten treiben. Aber er ist eben ein Original 😉

Katja: Zum Thema kochen – kochst Du selber auch gern? Was ist Dein Lieblingsrezept und was isst Du besonders gern? Gibt es auch etwas, was Du – oder Deine Figuren – niemals probieren würden?

Christine: Ja, manchmal koche ich sehr gern, nicht nur vor Wut 😉 Ich halte mich aber ungern genau an Rezepte, sondern koche lieber kreativ DSC00128 a Kopie4frei Schnauze. Am liebsten mit viel exotischen Gewürzen, aber regional verfügbaren Zutaten. Ein spezielles Lieblingsrezept wird schwierig. Jedenfalls bin ich kein Fan von Fertiggerichten. Ich mag sehr gern Kirsch-Sahne-Schnitzel oder Sauerbraten mit Buttermilchsauce und Eintöpfe.

Wenn ich Gäste habe, bevorzuge ich Aufläufe, Lasagne-Varianten, Raclette oder Fondue, um das gut vorbereiten zu können und Zeit für die Gäste zu haben.

Katja: Auf der Leipziger Buchmesse wirst Du Dein neues Buch „Neue Meister, alte Sünden“ erstmals in einer Lesung präsentieren. Wirst Du weitere Lesungen in der nächsten Zeit bestreiten? Wo kann man Dich antreffen?

Christine: Ja, im Rahmen der Buchmesse lese ich am 12. März in der Stadtbibliothek Schkeuditz und habe die Messe-Premiere am Sonntag, den 15. März mit Kökkenmöddinger. In Dresden wird er zu  ersten Mal am 26. März in Erscheinung treten …

Katja: Was macht Christine Sylvester, wenn ein Ideenfeuerwerk in ihrem Kopf los geht? Hast Du immer Schreibzeug dabei, um Dir schnell Notizen machen zu können? Oder lässt Du Deine Ideen reifen und bringst sie später, wenn es zeitlich besser passt, zu Papier?

Christine: Ja, Papier und Stift sind immer im Handgepäck. Ansonsten schreibe ich auf Kuverts oder Brötchentüten … Ich habe eine wilde Zettelwirtschaft, die aber alle paar Tage in ordentliche Projektdateien eingepflegt wird. Ich bin ein Konzeptfreak.

So richtig feuern die Ideen allerdings in Gesprächen. Ich finde Zwischenmenschlichkeit unglaublich inspirativ. Im kommunikativen Ping-Pong spinnt es sich einfach am besten. Und ich erfahre natürlich auch viel mehr darüber, was andere Menschen so bewegt. Schließlich wäre es fatal, im Saft der eigenen Ideen zu schmoren …

Katja: Was gibt es neues bei Dir? Wie geht es mit Deinen Serien weiter? Gibt es neue Projekte, auf die sich die Leser freuen können?

Christine: Lale nimmt gerade wieder Ermittlungen auf … und sitzt mir – anstrengend wie sie nun mal ist – im Nacken 😉 In dieser Richtung wird sich bis zum nächsten Frühjahr sicher wieder ein Fall zu einem Buch zusammenballen.

Was den Herrn Kökkenmöddinger angeht, so bleibt abzuwarten, wie er bei den Lesern so ankommt. Aber ich bin zuversichtlich, dass Testleser und Lektor mit ihren Sympathien für den „Sokrates der Straße“ nicht allein bleiben.

Außerdem wird es noch fünf Kurzkrimis in diesem Jahr geben. Zudem sitze ich an einem weiteren Kriminalroman, und ein Unterhaltungsroman wird neu aufgelegt und erhält eine Fortsetzung.

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Ich bedanke mich für das Interview bei Christine Sylvester und freue mich schon sehr auf die Buchvorstellung auf der Leipziger Buchmesse, die ich als Zuhörer genießen werde und natürlich auf die Premierenlesung am 26. März hier in Dresden, bei der auch ich eine (kochende) Rolle spielen werde.

Fotos: Kathi Lipfert / Heimwege-Fotografie

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