Sylvia und Katja im Gespräch mit Vera Ansen

Die Autorin Vera Ansen stellt sich gleich den Fragen von zwei neugierigen Bücherwürmern und lässt uns an ihrem Schreiballtag und der Entstehung ihres Buches „Der Soldat und die Unschuld“ teilhaben. Das Interview wird geführt von Sylvia – die an der erwähnten Leserunde teilgenommen hat und – natürlich – von mir selbst.

Katja: „Der Soldat und die Unschuld“ ist Dein erstes Buch. Was hat Dich zum Schreiben gebracht?

Vera: Ich habe ganz solide das ‚Handwerk der Narration’ an der Universität gelernt und im Bereich plot doctoring sowie Autorencoaching später auch eingesetzt. Selbst Bücher zu schreiben, war einerseits eine Gewissheit für mich nach dem Motto „Was tut man jenseits der 50?“ andererseits war „Schreiben“ also ‚fiktives Ausdenken’ etwas, dass mich seit meiner Kindheit begleitete.

Im Studium setzte ich mich in den Fächern Philosophie, Pädagogik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft mit den Schriften und Ansichten von Autoren der letzten 3000 Jahre bis zur Neuzeit auseinander. Und meine innere Auseinandersetzung mündete in meinen Doktorarbeitsprojekt „Planbarkeit von Erfolg anhand serieller Narration“ – historisch kann man das wunderbar analysieren. Es gab einen Zeitpunkt, als ich mit dieser Arbeit abbrach, was aus heutiger Sicht auf Doktorarbeiten vielleicht verständlicher ist. Doch die Fragestellung ließ mich nicht mehr ruhen und so war ich sehr froh, als ich hier in Köln die Möglichkeit bekam im Gebiet der Psychologie durch den Ansatz der Morphologen die Gestaltzusammenhänge studieren zu können, die Geschichten in dem kollektiven Bewusstsein unseres Menschseins tragfähig machen.

Das erzählerische Konzept der „Heldenreise“ ist zum Beispiel so ein Erklärungsversuch, warum sich manche Erzählungen über Jahrtausenden in den Herzen der Menschen fortschreiben.

Als ich im dritten Schuljahr „Heidi“ las und feststellte wie mich die Aneinanderreihung von Buchstaben zum lachen oder weinen brachte, da wuchs in mir große Ehrfurcht vor dem „Schreiben“ selbst. Und ob es religiös oder juristisch daher geht, begleitete mich immer auch ein leichter Argwohn über die Anmaßung „etwas niederzuschreiben“.

Die Autoren, die ich begleitete taten mir immer irgendwie ein wenig leid. Einerseits nahmen sie sich so wichtig, andererseits standen sie unter so großen Druck „zu liefern“. Mein erstes Buch (vollständiger Roman) war vielmehr ein Akt der Selbsttherapie bei schwerer Krankheit, als der ernsthafte Versuch mein Berufsfeld zu ändern. Ich schrieb „Der Soldat und die Unschuld“ mit 34 Jahren und ich wollte einfach mal herausfinden, was geschah, wenn man die eigenen Ratschläge befolgte …

Katja: Wie lange dauerte es von der Idee über das Manuskript bis hin zum fertigen Buch?

Vera: Bis zum Exposé drei Nächte und zwei Tage, die ich medikamentös hauptsächlich schlafend zubrachte, die Geschichte, die meine Nachbarin mir über ihren in Vietnam verstorbenen Bruder erzählt hatte, vermischte sich mit anderen Dingen, die mich nicht loslassen wollten und so entstand die Schlüsselszene  – in der sich Isabell von ihrem Bruder zurückstoßen lässt, sich dem nächststehenden Offizier zuwendet und ihn mit Fäusten gegen die Brust trommelt bis dieser genervt ihr Einhalt gebietet und wahrhaft „zwei Welten aufeinanderprallen“

Ich stellte meiner 60jährigen Nachbarin, mit der ich regelmäßig spazieren ging, den Plot vor und sie war begeistert, dass ich mich mit etwas beschäftige und argumentierte heftig: Ein Kerl solcher Stellung würde niemals eine Frau wollen, die nicht bei seinem Anblick schon dahinschmilzt … Wenn das Mädchen von diesem Rang ist, wieso gibt es nicht ein stabiles Netzwerk, dass sie vor der Isolation schützt … Fragen über Fragen und indem ich dann Kapitel voranstellte, die die Kindheit der Hauptprotagonisten erzählten, gefiel ihr die Geschichte immer besser.

(Ich kann nur jedem Menschen, der eine Geschichte für andere Menschen aufschreiben will, dringend anraten, das Buch mit „Testlesern“ zu entwickeln.)

Ich brauchte zwei Tage um die historische Einordnung mit den Kriegs- und Friedenszeiten, den Landsitzen, Entfernungen und Kleidung zu recherchieren (Danke Internet!) und dann ging es los: … die Details erspare ich Euch aber in 4,5 Monaten hatte ich 29 Kapitel geschrieben. Es sollten eigentlich 26 werden, aber ich hatte währenddessen Besuch von einer Abiturientin und die meinte nach Kapitel 24: „Und was ist mit der Fortsetzung?“ und ich fragte: „Fortsetzung?“ „Klar, noch nie was von Harry Potter gehört?“ – naja, zu diesem Zeitpunkt war ich wohl schon so sehr ‚Autorin’ dass ich noch den Fortsetzungsschlenker „lieferte“.

Katja: Musstest Du viele Verlage „abklappern“ bis das Manuskript angenommen wurde? Wo warst Du als DER Anruf kam mit der Nachricht: Es wird gedruckt!

Vera: Irgendwo schrieb ich mal „sechs Jahre kämpfte ich um die Veröffentlichung“ – ja, es wäre in der Tat eine lange und detailbeladene Antwort auf das Hin und Her einzugehen. Tatsächlich gab es einen solchen Anruf nie und tatsächlich gedruckt wurde das Buch auch erst, nachdem ich mich schließlich schweren Herzens von meiner Agentur getrennt habe. Denn wirtschaftlich erfolgreich ist das Buch nicht. Und jeder, der mitverdienen will, unterstützt einen Autoren eben nur, solange „das Werk“ schwarze Zahlen abwirft. Viele schwarze Zahlen, denn viele Menschen wollen ja mit davon leben! Da ich ein alter Medienhase bin, weiß ich ja um all diese Dinge zur Genüge. Nichts desto trotz: wenn man mal etwas Neues machen möchte und zwar einen Genreroman schreiben und gleichzeitig dem Leser etwas bieten … dann braucht man einen langen Atem.

Jeder kennt „King Kong“, kaum jemand weiß, das dieser Stoff von Edgar Wallace entwickelt wurde und noch viel weniger Menschen wissen, dass Wallace zu Lebzeiten für seine „Romane“ hauptsächlich Spott und Häme bekam. Ich habe zwischenzeitlich sowohl von der Verteidigungsministerin als auch vom Präsidialamt ein Schreiben, indem mein Engagement gelobt wird, wichtige Themen differenziert darzustellen und diese mit meinem Roman „in die Mitte der Gesellschaft“ zu rücken.

Dieses erste Buch habe ich nicht wie gewünscht um 150 Seiten gekürzt, zumindest um alles Soldatische und den Titel in jedem Fall abgeändert und deshalb blieb DER Sektkorkknall-Anruf auch aus!

Katja: Was hat Dich dazu bewogen, selbst zu schreiben? Ging Dir der Lesestoff aus? Oder hattest Du schon immer den Traum, selbst zu schreiben?

Vera: (lach) ja es gab da so einen spannungsbeladenen Dialog zwischen meinem Mann und mir:

„Du bist unerträglich. Lies mal ein Buch!“

„Kann ich nicht mehr … ist alles so schlecht!“

„Dann schreib eins!“ Knallte die Tür und verließ für viele Stunden die Wohnung.

Mit der Gewissheit von der Welt unverstanden zu sein, trollte sich die angehende Autorin-wider-willen in ihre heimelig anmutende Bettstatt und gab sich ihren Medikamenten flankierten Träumen hin. ‚War ich schon so alt, dass ich anfangen musste Bücher zu schreiben …? Was wollte er mir damit nur sagen?’

Katja: Wie ich mittlerweile weiß, bist Du Kommunikationsexpertin und Autorin. Wie sieht ein „Arbeitstag“ bei Dir aus?

Vera: Als Kommunikationswissenschaftlerin hat man drei abgeschlossene Berufsausbildungen, um morgens um 11 Uhr die Welt zu erobern, da man abends bis Mitternacht sich noch von Talkshow bis Blockbuster oder Live-Begegnungen über die Medienwelt gerne auch in Text und Internet im Bilde halten muss. Auch zum Beispiel die neue Opel Kampagne „Umparken im Kopf“ oder die Simpsons bzw. Lego Überarbeitung des Oscar-Selfies in den Blick nehmend. Dann bekommt man vielleicht mal ein Kind oder zwei und die werfen einen morgens um 6 Uhr 20 (Schulpflicht!) wenn man Glück hat aus dem Bett. Was anstrengend ist, wenn man nachts noch bis 3 Uhr an einem Konzept geschrieben hat. Und wenn der Sohn sich (wie gestern geschehen), beim Fußballspielen auf Socken in der Schule den Zehnagel abreißt, fährt man dann erst mal ein kreischendes Kind ins Krankenhaus.

Geregelter Arbeitstag? Frag mich das bitte noch einmal in 5-10 Jahren!

Katja: Du hast Dein Buch in einer Leserunde bei Leserunden.de zusammen mit einige Lesern gelesen. Was treibt Dich dazu, eine Leserunde zu machen? Was nimmst Du Dir aus so einer Leserunde mit? Ist sie Ansporn für Dich?

Vera: Anders als bei „den Medien“ wo man zwischen Quote und User Interview Wirksamkeit beurteilen soll, eröffnet ein selbst geschriebenes Buch einen viel intimeren Austausch mit Lesern. Allerdings musste ich nach drei Leserunden feststellen, dass es nicht jeder Leser so ernst nimmt, wie ich meine Leser ernst nehme.

Die wichtigste Motivation für mich, selbst Bücher zu schreiben, gegenüber meinen sonstigen Tätigkeitsfeldern ist „dem Menschen“ einmal wahrhaft gerecht zu werden. Die Figuren, die ich in meinen Büchern beschreibe, bekommen die volle Aufmerksamkeit, die jeder Mensch im seinen Leben verdienen würde. Bei mir ist niemand Stafette! Egal ob Bösewicht oder Guter, ob „Motor der Geschichte“ oder Beiwerk. In meinem sonstigen Wirkungsrahmen habe ich so häufig das Gefühl „des Abbruchs“: wir Menschen berühren einander auf unseren  Lebenswegen, aber häufig nicht die Bereiche, die für den anderen wirklich wichtig sind.

Die von mir ersonnenen Figuren hingegen sind für mich verfügbar, auch in ihrem Innersten und auch in der Konsequenz ihres ganzen Handelns (oder auch Nicht-Handelns). Sie sind Beispiele echten, erlebten oder erzählten Lebens mit denen ich mit anderen Menschen in einen Dialog über echtes Leben geraten kann.

Einzelgespräche zwischen Lesern und mir zeigen häufig erstaunliche Reflexionen auf. Die moderne Plattform einer Leserunde zu nutzen, gehört heutzutage „dazu“. Höhere Reichweite? Erweiterung des Interessentenkreises? Aber eben auch Unverbindlichkeit! Oberflächlichkeit!

Jeder kennt vielleicht so eine Äußerung „Ich habe das Dschungelcamp zwar noch nie gesehen, aber …“ Jeder der schon mal bei einer Medienproduktion dabei war, weiß, wie viel Arbeit in jeder einzelnen, kleinen Produktionsentscheidung steckt. Insgeheim ist es eine ‚Frechheit’ sich ein Urteil über etwas zu erlauben, wo man selbst einführend angibt, man sei zu faul gewesen, sich das Format überhaupt einmal anzuschauen, über das man im Anschluss urteilen will.

Dieser ‚Frechheit’ stellt man sich auch als Autor, wenn man die Chance zu einer Leserunde wahrnimmt. Wenn dann Kommentare kommen „Wieso ist die Mutter tot? Das habe ich überlesen …!“ dann frustriert das ungemein angesichts der vielen Arbeit, die man in einen Text steckt, damit er rätselhaft und spannend ist! Oder ein anderes Beispiel: „ach, Heinrich der VIII war kein Zeitgenosse Napoleons? … irgendwie finde ich das Buch historisch nicht glaubwürdig!“ es ist nicht alles Schuld des Autors, was in einer Leserunde geschieht!

Aber es ist eben auch lehrreich und zeigt einem im Kleinen wie „der Leser“ von dem Agenten, Lektoren und Verlage so gerne sprechen, eben tickt. Und vielleicht eröffnet so eine Leserunde im Ganzen dem Autoren auch den Blick dafür, für wen er wirklich schreibt.

So unterschiedlich Leser sind, so sind es natürlich auch die Autoren. Von einer Kollegin las ich als Antwort auf eine Verständnisfrage zum Text „Naja, Männer denken eben … etwas tiefer!“ – Sicher ermüden Leserunden einen Autor und sind auch emotional nicht jedermanns Sache, aber wenn man einem Menschen nicht begegnen möchte, sollte man meines Erachtens auch keinen Kontakt aufnehmen.

Eine Leserunde ist eine schwere Verantwortung für den Autor und wenn Leser es einem dabei absichtlich schwer machen, kann man auch die Lust daran verlieren.

Sylvia: Nun aber mal zu Deinem Buch. „Der Soldat und die Unschuld“ spielt in der Zeit der Napoleonischen Kriege. Was hat Dich bewogen, das Buch gerade zu dieser Zeit spielen lassen?

Vera: Die „wahre Geschichte“ hinter Peters Tod ist ja Vietnam und die Geschichte der Freundschaft zwischen Billingham und Edward war der zweite Weltkrieg. Beide Kriege sind in unserem zeitgenössischen Bewusstsein von der Schuldfrage überschattet.

Wehrmachtsangehörige, die einfach taten, was damals von ihnen erwartet wurde, müssen sich bis heute rechtfertigen nicht insgeheim ein kriegsgeiler Nazi gewesen zu sein. Der Erzählstrang Isabells funktioniert besser in einer Gesellschaft hoher Verbindlichkeit und dem Fehlen von Polizei und Hilfsorganisationen, um ihre innere Isolation bebildern zu können.

Der Griff in die historische Kiste ist also immer recht dankbar für einen Geschichtenerzähler, da man die Rahmenbedingungen ein wenig eingrenzen kann. Nachdem meine Nachbarin Ruth mir die Kindheitsgeschichte der Helden abgerungen hatte, brauchte ich eine gewisse Abfolge von Krieg und Frieden um diesen Rhythmus der Generationen Wellington, Edward, Peter und Andrew erzählen zu können.

Zudem waren die Menschen in der Napoelon-Ära uns sehr ähnlich in ihrer gedanklichen Freiheit. Epochal waren sie geprägt von der Aufklärung und lebten vor der Restauration die gesellschaftliche Stilblüten hervorbrachten, die wir heute noch versuchen abzubauen. Da ich gerne „die Fragen unserer Zeit in einen glaubwürdigen historischen Kontext“ verlegen wollte, boten sich diese Jahre in England an.

Insbesondere suchte ich nach einer Gesellschaft, die selbst im Frieden lebte, ihre Soldaten aber in den Krieg schickte! Woraus sich dann das Dilemma ergab, wie „diese Tiere“ (ans Töten gewöhnte Menschen) wieder zurück in die Zivilgesellschaft finden.

Katja: Wie entsteht so eine Geschichte? Was ist zuerst da? Die Story an sich oder die Protagonisten? Wie behält man als Autorin den Überblick?

Vera: Zuerst ist da der Konflikt. Aristoteles hat es in der Dramenlehre gut beschrieben. Die Figuren, sind quasi die Botschafter dieses Konfliktes. Je nachdem, von wie vielen Menschen der Konflikt wahrgenommen werden soll, überhöht man die Hauptprotagonisten zu Archetypen des Heldenepos: Kriegsheld, Unschuld vom Lande.

Diese Archetypen haben ja Schattenseiten, eigene innere Widerstände, denen sie durch die Wahl ihrer Lebensführung aus dem Weg gehen. „Hält es unter Normalen nicht aus!“ oder „Will niemals im Leben jemanden töten!“.

In der Einführung in den Konflikt geht es also darum „das Personal“ kennenzulernen, als wenn man am Urlaubziel dem Hotelpersonal vorgestellt wird. Dazu ersinnt man viele kleine Szenen, die die Konfliktparteien menschlich werden lassen. Denn nur über die Emotionalität erwächst eine Empathie für die Figuren.

Diese ersten Buchkapitel strengen an, wir sehen da verschiedene Welten und sind noch damit beschäftigt für unsere Identifikation herauszufinden „mit wem wir gehen wollen“. Im Kino kauen dann alle fleißig Popcorn um einer innerer Geschäftigkeit Ausdruck zu verleihen, noch keinen Halt zu haben.

Wie bei allem im Leben kommt es auf die Dosis an. Ein Autor ist gut beraten, sein Personenschema neben dem Bildschirm hängen zu haben, damit man im Eifer des Gefechts nicht jemanden vergisst. Während man sich zunächst Gott weiß wie anstrengt, dass die Figuren ihre Sprache finden, quasseln sie irgendwann alle drauf los und man hat eine heiden Not, alles mitzubekommen und in eine für den Leser geeignete Reihenfolge nieder zu schreiben.

Mir persönlich ist der Text ein wenig zu lang geworden, aber die Figuren haben mir das abverlangt und insbesondere Elizabeth ist so eine Figur, die nicht bloß das Dramadreieck zwischen Opfer und Täter vervollständigt, sondern in ihrer Komplexität den Unterschied zwischen ihrer Generation und ihres Umgangs mit Missbrauch und den Isabells deutlich macht. In einer Fortsetzung würde ich Elizabeth doch noch suizidal scheitern lassen, da sie sich über 20 Jahre nicht widersetzt hat und diese Prägephase einfach zu lang war. Aber Isabell ist nicht bloß jünger und kürzer einer bestimmten Erfahrung ausgesetzt worden, sie hat für sich auch andere Konsequenzen gezogen.

Ein guter Autor weiß einfach sich für die Stärke seiner Geschichte zurückzunehmen. Irgendwann ist man nur noch Erfüllungsgehilfe für die Wesen, die man erschaffen hat und wenn man es richtig angestellt hat, für die Wesen, die das Leben selbst erschaffen hat.

Sylvia: Wie hat sich die Recherche zu diesem Buch gestaltet? Welches Material stand Dir zu Verfügung und hast Du Dich nur auf deutsche Werke stützen können? Oder hast Du auch, um die englische Stimmung einzufangen, auf englische Sachbücher zurück gegriffen?

Vera: In der Nachbetrachtung muss ich eingestehen, dass ich dieses Buch wahrscheinlich nie hätte schreiben können, hätte ich einfach in Deutschland gelebt. Diese Zerreisprobe, dass auf der einen Seite der Stadt die Demonstranten mit „no war!“- Plakaten die Boulevards auf und abmarschierten und auf der anderen Seite der Stadt in den Vororten fleissig mit Handgeldprämien für den Afghanistankrieg rekrutiert wurde, der auf deutschen Boden ja noch lange Zeit nicht Krieg genannt werden durfte, konnte ich so nur in Amerika erleben. Und nichts ist stärker als unser Erleben!

Ich hatte damals wahrscheinlich über dreißig amerikanische Genre-Bestseller „England“ gelesen, die in deutscher Sprache nur stark gekürzt erscheinen und spachlich durch die Grammatik sowie die uns nicht geläufige Milieu-Sprache im Original faszinieren.  „Schlecht“ fand ich nur die Konsequenzlosigkeit psychologischer Eigenarten, die sobald der Held oder die Heldin „den Richtigen“ trifft, zugunsten eines herbei-geschriebenen Happy Ends ad acta gelegt werden können und die Lieblosigkeit mit der die drei Erzählmomente „unerwünschter Sex“, „abgebrochener aber verheißender Sex“ und „unübertrefflicher, befriedigender Sex“ szenisch stereotyp eingewoben wurden.

Ich habe es mir einfach zur Aufgabe gemacht in diesem „Selbstversuch Roman“ das Genre zu bedienen und gleichzeitig für eine gewisse Ernsthaftigkeit zu öffnen, was professionell „gezwungene“ Leser (Agenten, Verlage, Verteidigungsminister) auch als gelungen einzuschätzen wussten, gleichsam mit der Warnung versehen, keinen „großen“ Markt zu bedienen. Ich persönlich glaube aber „der Leser“ ist gar nicht so anspruchslos und würde gerne andere Bücher lesen, wenn er denn andere Bücher angeboten bekäme.

Und um meiner Idee von kultureller Vielfalt nachzugehen habe ich eben die Veröffentlichung des Textes erkämpft, weniger der Eitelkeit zu frönen, den Namen auf einem Buchdeckel gedruckt zu finden, sondern der Chance halber, den Gegenbeweis anzutreten, dass „der Leser“ (ich finde das nur immer so lustig, da rein numerisch es „die Leserinnen“ heißen müsste und wir uns da noch genau auf dem lateinischen Sprachniveau befinden) gute Unterhaltung durchaus zu schätzen weiß!

Wenn man über eine runde Allgemeinbildung verfügt und eine gewisse Affinität zu Geschichte hat, darf man sich durchaus auf das Internet als Recherchemittel verlassen, da man die dort gebotenen Informationen ja mit seinem sonstigen Wissen abgleichen kann. Das englischsprachige Wikipedia erfreut mit Geschichten und Geschichtchen über die Adelswelt insbesondere das ganze Peersystem, dass es leicht war, hier und dort einige Besonderheiten einfließen zu lassen. Prinzipiell bin ich der Ansicht einen zeitgnössischen Leser im Bereich Unterhaltung mit nichts zu beschweren, das sich seiner Erfahrung nach nicht mehr erschließen kann. Morphologisch zu schreiben bedeutet eben auch „das große Hunde auf der von Sonne erwärmten Terrasse liegen“ statt irgendeine Hunderasse zu benennen, die nur 15% der Leser kennen. Die Buchstaben, die ich zu Papier bringe, sind nur die Steigbügel um die Phantasie des Lesers in Gang zu bringen.

Erwähnte ich eben, dass man Erfüllungsgehilfe für die Figuren ist, ist man wohl Servicekraft für die Leserphantasie.

(Und dann denke ich ja immer noch, wenn man schon nicht weiß, ob Henrich der VIII eventuell ein Zeitgenosse Napoleons war, könne man dies als geneigter Leser einmal selbst nachschlagen, wenn’s interessiert … oder eben nicht! Aber Lesen soll ja prinzipiell Lust auf mehr machen und da setzte ich mit meiner Vermittlung von Historie an)

Sylvia: Beim Lesen des Buches bin ich auf Bezeichnungen für englische Adelstitel gestoßen, die mir nicht geläufig waren. Hast Du Dir das Wissen angelesen oder hattest Du anderweitige Hilfe?

Vera: Wie in Vorbereitung auf eine Klausur oder Sonstiges: recherchiert, analysiert, Vermittelbares übernommen, Rest verworfen. Das englische Adelssystem war schon ein illustres Gebilde, über die letzten fünf Generationen von den Windsors ziemlich glattgezogen. Dass es Dukes gibt, die mächtiger als die Könige sind, ist in der Neuzeit undenkbar, da wurde lange Politik gemacht um das Alleinstellungsmerkmal der Queen und der Ihren zu manifestieren.

Damit ich mit keinem Anwalt je zu tun bekomme, habe ich immer gesehen, nur Titel zu verwenden, die kinderlos blieben … Das Dukedom Lancaster war zu Zeiten Edwards schon im Besitz des Könighauses und kein eigenständiger Besitz mehr.

Sylvia: Isabell ist ca. 10 Jahre jünger als Edward. Hast Du diesen Altersunterschied bewusst gewählt und wenn ja warum? Gab es vielleicht zunächst auch eine andere Version?

Vera: Es wäre für die damaligen Verhältnisse quasi undenkbar gewesen, dass zwei Gleichaltrige heiraten, zumindest sehr ungewöhnlich! Das Dilemma sah man ja noch bei Charles, Diana und Camilla.

Wäre Edward nicht im Krieg gewesen hätte man ihn als Duke-Sohn mit Ende 20 auch nicht gerade als heiratsfähig eingestuft. Mädchen hingegen wurden schon mit 15 je nach Stand „unter die Haube“ gebracht, mit 35 galt man als Frau damals als „kurz vorm Tode“. (Bei Lesungen muss ich immer schmunzeln komme ich zu Lady Hendrikas 48. Geburtstag!) … ihre Lebenswirklichkeit wäre für uns eher die einer Ende 50ig-Jährigen! Die hohe Frauensterblichkeit merke ich ja im Eingangskapitel an. Anastasias Torschlusspanik ist zeitgemäß völlig realistisch; ein Debüt jenseits der 18 war eher sehr ungewöhnlich und wohl in Romanen mehr unserem Gefühl für Sittlichkeit geschuldet als der damaligen Vermählungspraxis.

Im eigenen Familien- und Freundeskreis kenne ich mehrere Paare die 10 Jahre auseinanderliegen und fand das noch human. Der Altersunterschied zwischen Evelyn und ihren Mann Lawrence hingegen ist für unsere westlich zivilisierte Welt heutzutage unvorstellbar. Dennoch betont Isabell ja die Vorzüge einer altersdiversen Ehe und sieht dies ja auch lange als Wunschbild.

Sylvia: Der Adjutant Jason Billingham ist in Deinem Buch mit herrlich viel Wortwitz ausgestattet. Gibt es hier einen Bezug auf eine reale Person in Deinem Umfeld?

Vera: Ja, ich bin selbst immer überrascht, wenn ich den Text lese, denn gemeinhin hält man mich immer für recht humorlos. Witze erzählen kann ich auch kaum, dass jemand anders lachen würde.

Häufig ist es einfach der Kontrast zu Edwards tragischer Verbissenheit, die uns Billingham so humorig erscheinen lässt. Auch als er vor Lady Hendrika spontan salutiert mit „Aye, Sir!“ geschieht dies ja eigentlich aus dem Moment der Ergriffenheit und nicht der Parodie. Diese beiden Männer sind sehr intim in ihren Gedanken miteinander und das ringen um das letzte treffende Wort, gewinnt meist Billingham. Und da er eh der „leichtere“ ist, lachen wir zur Entlastung gerne mit ihm.

Die Ironie und Bissigkeit (im englischen würde man witty sagen) hat er von mir, denn ich liebe auch screwball comedies, aber die Leichtigkeit und den Schwung hat er von seinem irischen Elternhaus!

Katja: Das Cover zu Deinem Buch ist sehr ansprechend gestaltet. Wie ist das, hast Du als Autorin ein Mitspracherecht bei der Auswahl / der Gestaltung des Covers gehabt oder lag das ganz in den Händen des Verlages?

Also lieb hat mich im Verlag nur noch der Grafiker, der meine Penetranz wirklich zu schätzen wusste. Ach und der Alt-Senior, der meinte: „So hat ein Buch auszusehen!“ Von dem Rest will ich mal schweigen, ich kann schon sehr nervig sein und dachte vor Drucklegung noch, die schmeißen mich raus!

Aber gegen all das Gejammer, was die bösen Verlage mit den tollen Büchern so machen: Wo mein Name draufsteht, sollte auch mein Qualitätsanspruch umgesetzt werden! Dabei sollte nie das nötige Fingerspitzengefühl verloren gehen. Wer glaubt, es reicht, eine geniale Idee zu haben, der eckt schnell mit der Wirklichkeit an.

Der Coverentwurf war schon abgelehnt und wir trennten uns mit der Maßgabe, etwas Besseres zu finden. Versehentlich hatte ich die Korrekturabzüge auf dem Küchentisch liegen, als meine Tochter von der Schule kam. Als sie ihre als „Dummie“ fotografierte Hand auf dem Cover sah, tanzte sie zehn Minuten um den Küchentisch „Meine Hand ist auf Mommies Cover!“ und ich dachte nur: ‚Wie bringe ich das schonend Herrn Heider bei!’ Leben geschieht eben, dass kann man nicht planen, da kann man sich hundert mal conceptional design auf die Visitenkarte drucken, Strategie kann nur soweit gelingen, wie das Leben es zulässt!

Katja: Hast Du selber auch Zeit zum Lesen?

Vera: Ich lese, was ich lesen muss, wo ich mich „einlese“ – Lesen als Muße kenne ich für mich selbst kaum, was sicher auch daran liegt, dass mir „das Lesen nicht so recht gegeben ist“ wie ich Lawrence so schön Isabell adressieren lasse.

Das verwundert jetzt sicher. Für manch einen bin ich unheimlich belesen, aber gegen einen normalbegabten Leser bin ich eine völlige Niete. Mit Lesern habe ich hauptsächlich erst seit der Buchveröffentlichung zu tun. Sagte früher jemand zu mir: „Haben Sie schon den Neuen von Dan Brown gelesen?“ meinte ich nur was von wegen ‚zuletzt in Spanien gewesen’ und da jeder schon mal in Spanien war, nimmt das Gespräch dann einen anderen Verlauf.

Da die Buchstaben mich so ärgern, ist Sprache für mich etwas das Wort für Wort lebt (oder eben nicht) und die Leute reißen sich drum, mich lesen zu hören und wenn es sonntags die Lesung ist. Wenn es nicht berührt, ist es eben nichts für mich, nur sinnlose Buchstabenverkettung.

Acht Jahre habe ich meinen Kindern in englisch und deutsch simultan vorgelesen, bis ich in den Streik getreten bin und das an meine Älteste delegiert habe. Inzwischen ist mein Sohn mit der gleichen Begabung seine Schulkarriere angetreten und mit ihm lese ich jetzt jeden Tag …

Und jedem der meint, nicht lesen zu können, bedeutet auch nicht denken zu können, möchte ich noch folgenden Text mit auf dem Weg geben:

„Ich ktnone nhcit guablen, dass ich tatshcälcih vretsnad, was ich las. Die Rhieenfgole der Bchutsbaen in eniem Wrot spliet kniee Rolle. Wichtig ist nur, dass scih der ertse und ltzete Bcuhstbae an der rchigtien Stlele befidnen. Der Rset knan ein vöigells Dreuhinenaedr sien. Der Txet lssät scih dnencoh porlbmeols lseen. Der Gnrud hreiüfr ist, dsas das mnecshleihe Grhien nhcit jdeen Bcuhtsaebn eizlnen lesit, snorden ein Wrot als Gnzaes! Ertsuanlcih, nciht whar?“

Ich kann die 85% aus einer Kommunikation herauslesen, von denen gemeinhin gesagt wird nur 10% der Kommunikation findet über das gesprochene Wort statt. Es gibt eben Lesen und Lesen. Bücher lese ich recht wenig.

Katja: Welcher Autor / welche Autorin hat Dich in Deiner Kindheit/Jugend begleitet und welcher Autor inspiriert Dich heute? Oder hast Du gar Vorbilder?

Vera: Als Kind begleitete mich Marie Luise Fischer, die Autoren der Asterix-Bücher brachten mich zum Lachen, angebetet habe ich Hermann Hesse, als ich 16 war. Mark Twain und Dickens habe ich „gesehen“ (nicht im Original gelesen, steht aber auf meiner Leseliste)

Unter den Liebesromanautorinnen ist Kathleen E. Woodiwiss für mich unübertroffen, da sie eine erzählerische Dichte aufzubauen wusste, die mir half über 500 Seiten bei der Stange zu bleiben. ‚Eine Rose im Winter’ habe ich wahrscheinlich an die 15-mal gelesen, das englische Original sechsmal. Das Buch von Eric Berne „Was sagen Sie nachdem Sie guten Tag gesagt haben?“ habe ich im Abstand von je acht Jahren viermal gelesen und darüber hinaus fast alle Aufsätze von ihm. Er schreibt über Intuition und andere Dinge, die wir im Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr vorbehaltslos beachten können.

Gezwungener Maßen lese ich momentan durch Leserunden und Lesungen am häufigsten in der Belletristik „Der Soldat und die Unschuld“ und bin nur froh, das es gelungen genug ist, mir nicht auf den Geist zu gehen!

– Danke, für dieses Interview und vor allem Eurer Interesse! –

 

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