Auf diesem Blog dreht es sich rund um Bücher, Rezensionen, Buchvorstellungen, Interviews und das Kochen von leckeren Speisen aus Topf und Pfanne.

Im Gespräch mit Sonja Roos

Letzte Woche sollte sie eigentlich sein: die Leipziger Buchmesse. Die Gelegenheit für Bücherwürmer und Leseratten wie mich, neue Autoren kennenzulernen und für sich zu entdecken, neue Buchtipps (und vielleicht auch Bücher) mit nach Hause zu nehmen. Die Leipziger Buchmesse fiel aus – aber nicht die Gelegenheit, trotzdem genau das zu tun: neue Autoren und damit neue Bücher für sich zu entdecken. Denn „Leipzig liest trotzdem“ und so kam es, dass auch ich an genau dem Wochenende eine Lesung in Leipzig besucht habe. Im Nachgang zu dieser Lesung kam es dann zu dem Interview, das ihr heute lesen könnt: (Ein bisschen was zu meinem Tag in Leipzig und zur Lesung erzähle ich euch an anderer Stelle.)

Im Gespräch mit Sonja Roos

Als ich dich vor einigen Tagen bei deiner Doppellesung mit Claudia Winter im wunderschönen Cafe „Mintastique“ und beim anschließenden Abendessen im privaten Kreis das erste Mal sah, kannte ich weder den Namen Sonja Roos noch das Buch „Der Windhof“. Ich denke, dem ein oder anderen Leser meines Blogs wird es ähnlich gehen. Daher meine erste Frage an dich …

Katja: Erzähl uns erst einmal etwas über Dich. Was macht den Menschen Sonja Roos aus, was sind deine Stärken und Schwächen?

Sonja: Ich bin ein absoluter Familienmensch. Ich habe drei tolle Töchter (16, 13 und 7) und liebe es, wenn wir als Familie Zeit miteinander verbringen. Unser Sehnsuchtsland ist Holland, wo wir ein kleines Häuschen haben und so oft es geht Zeit verbringen. Ich bin auch Hundemama, unser Aussie (Australian Shepherd) Sam ist 7. Da sind wir schon bei meinen wenigen Hobbies – Joggen mit dem Hund, dazu noch Lesen, Kino, mit Freunden treffen – viel mehr bekomme ich für mich persönlich nicht in den Alltag gequetscht. Ich arbeite als Redakteurin noch in halber Stelle bei einer Zeitung, dann die Bücher, Kinder, Haushalt, Hund, da bleibt wenig Zeit.

Meine Stärken: Ich bin ein optimistischer Mensch, sehr lebensbejahend, lache gern, versuche, nicht alles so schwer zu nehmen.

Meine Schwächen: ich neige dazu, mir viel zu viel aufzuhalsen, kann schlecht nein sagen und ich bin total ungeduldig…

Sonja mit Aussie „Sam“

Katja: Während der Lesung haben du und Claudia Winter von einem Puzzleteil erzählt, das quasi für euch den Anfang der jeweiligen Geschichte bedeutet. Ich fand die Idee, den Ansatz, richtig gut und kann mir nun viel besser vorstellen, wie eine Geschichte entsteht. Kannst du meinen Lesern erklären, was damit gemeint ist?

Sonja: Oft ist es eine Kleinigkeit, die das Kopfkino bei mir lostritt. Jemand erzählt etwas, ich lese, höre, sehe was und bin inspiriert. Die Idee zum Windhof etwa kam mir, weil es bei meinem Mann in der Familie die Sache mit der Ersatzbraut gab. Seine Tante wurde quasi mit seinem Onkel verheiratet, weil ihre Schwester im Kindbett gestorben war. Das war damals praktikabel. Das Kind war versorgt, der Mann auch. Das hatte wenig mit Romantik zu tun. Seit ich diese Geschichte gehört habe, war sie in meinem Kopf, der Rest drum herum hat sich ergeben, etwa bei der Recherche für meinen Job bei der Zeitung, wo ich einen Bericht über einen Heimatforscher gemacht habe, der sich viel mit den jüdischen Mitbürgern vor dem Krieg im Westerwald befasst hat. Dann war ich für einen anderen Bericht im Kreisarchiv, habe Zeitzeugenberichte gelesen. Am Ende waren es dann viele kleine Teilchen, die sich wie beim puzzeln zu einem Bild gefügt haben. So ist es auch bei meinem neuen Roman „Die Lavendeljahre“, der am 19. September im Goldmann-Verlag erscheinen wird. Dort ist das Schicksal meiner Protagonistin, nämlich gleich nach der Geburt von der Mutter im Krieg im Krankenhaus gelassen zu werden, grob an die Lebensgeschichte meines (viel) älteren Halbbruders angelehnt. Der Rest war wieder Puzzlearbeit 😉

Katja: Du hast erzählt, dass „Der Windhof“ eigentlich schon eher erscheinen sollte, dann aber die Veröffentlichung auf Grund der Corona-Pandemie verschoben wurde. Was macht das mit einem Autor, wenn sein Buch nicht wie geplant erscheint?

Sonja: Es war niederschmetternd. Man freut sich so lange darauf, das Buch endlich in Händen zu halten und dann kommt eine Pandemie und alles ist anders. Ich hatte so viel geplant, hatte schon einige Lesungen festgemacht, das musste alles wieder abgesagt werden. Am Ende habe ich aber die Zeit gut genutzt, denn in den Monaten, bis zum neuen Erscheinungstermin im August 2021 habe ich die Lavendeljahre geschrieben.

Katja: Magst du uns etwas über „Der Windhof“ erzählen? Warum ist diese Geschichte entstanden und welche Figur liegt dir am meisten am Herzen?

Sonja: Ein bisschen habe ich ja schon eben erzählt, als es ums „puzzeln“ ging. Der Windhof ist wirklich ein Herzensbuch, nicht zuletzt, weil er eine kleine Hommage an meine Tante Hedi ist, die wie eine Oma für mich war. Lene hat viele Züge von ihr. Und der Windhof ist das Elternhaus meines Vaters, in dem meine Tante, die nie geheiratet hat, bis zu ihrem Tod lebte. Deshalb ist Lene schon diejenige, die mir sehr am Herzen lag. Aber auch Paul, den sie heiratet, ist großartig. Ich war beim Schreiben ein bisschen verliebt in ihn. Mel und Noah haben aber auch wunderschöne Momente, ihre Geschichte ist weniger dramatisch, dafür aber nicht weniger hindernisreich.

Die Geschichte drum herum ist frei erfunden, hat nichts mit meiner Familie zu tun. Ich wollte etwas aus der Zeit des aufkeimenden Nationalsozialismus erzählen. Ich fand und finde es immer noch unfassbar, was damals geschehen ist. Die jüdischen Mitbürger waren integriert, man ging zusammen zu Festen, war in den selben Vereinen, und plötzlich wenden sich fast alle von ihnen ab, weil das von oben so bestimmt wird. Ich finde es wichtig, die Erinnerung daran wachzuhalten, damit sich so etwas Schreckliches nie mehr wiederholt.

Katja: Im Herbst erscheint dein neues Buch „Die Lavendeljahre“, in das wir auf der Lesung exklusiv schon mal reinhören durften. Was gibt es über das Buch zu sagen? Mit welchen Worten möchtest du es uns ans Herz legen?

Sonja: Wie erwähnt haben die Lavendeljahre ebenfalls einen realen Hintergrund, zumindest die Kerngeschichte. Das Buch spielt wieder auf zwei Zeitebenen. In der Vergangenheit beginnt die Geschichte mit der Geburt eines kleinen Mädchens mitten im Krieg im besetzten Straßburg. Weil die Mutter sich mit einem deutschen Soldaten eingelassen hat, lässt sie das Baby einfach zurück. Eine Krankenschwester hat Mitleid und nimmt das Kind zu sich. Sie hat bereits einen kleinen Sohn, Philippe, der sich gleich in das Baby verliebt. Er beschützt Isabelle vom ersten Augenblick an. Irgendwann, als sie älter sind, ändern sich ihre Gefühle füreinander. Die beiden, die wissen, dass sie nicht verwandt sind, verlieben sich. Doch dann taucht Isabelles Vater auf und bringt sie fort nach Deutschland. In den Gegenwartsteilen will die gealterte Isabelle eine letzte Reise machen, um jemand besonderen aus ihrer Vergangenheit zu finden. Im Gepäck hat sie 60 Briefe. Weil sie sehr krank ist, engagiert sie den Ex-Sträfling Ben, der ein abgebrochenes Medizinstudium und viele Geheimnisse hat. Als ihre Tochter Carole davon erfährt, schließt sie sich ihrer Mutter und Ben an, weil sie ihm misstraut und sich um Isabelle sorgt, auch wenn die beiden sich nie nahestanden. Mehr will ich nicht verraten, aber es gibt einige wirklich großartige Szenen zwischen Carole und Ben (in den ich wieder ein kleines bisschen verliebt war während des Schreibens), aber auch spannende und berührende Szenen.

Katja: Du bist ja Journalistin und berichtest auch über regionale Autoren und Autorinnen in deiner Umgebung. Wie ist das für dich? Bist du dann besonders kritisch, bzw. sind es deine Fragen dann anders, wo du selbst schreibst und Bücher rausbringst?

Sonja: Nein, ich weiß, wie viel Arbeit und Liebe in einem Buch stecken. Das honoriere ich und gebe jedem die Möglichkeit, sich in einem Artikel vorzustellen. Ich schreibe aber keine Buchrezensionen, denn damit würde ich dem ein oder anderen Autor wohl keinen Gefallen tun. Am Ende entscheiden eh die Leser.

Doppellesung von Sonja Roos und Claudia Winter (Foto: Becky)

Katja: Wie ist es, die Seiten zu wechseln und befragt zu werden, statt selbst die Fragen zu stellen?

Sonja: Ich mag es. Auf den Lesungen erzähle ich ja auch immer viel, plaudere aus dem Nähkästchen. Ich gehöre zu den Autoren, denen der Austausch mit dem Leser sehr wichtig ist und der mir großen Spaß macht.

Katja: Wir hatten bei unserem ersten Treffen auch das doch sehr kontroverse Thema der Verlags- und Selfpublisher-Autoren, der Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. War der Schritt für dich, eine Verlagsautorin zu werden, der einzig richtige oder hast du auch vorher mit dem Gedanken gespielt, selbst zu verlegen?

Sonja: Ich wollte nie Selfpublisher sein. Ich habe viel Respekt davor, wenn jemand diesen Schritt geht. Man ist Einzelkämpfer an allen Fronten. Da gehört viel Engagement dazu, wenn man das ernsthaft betreibt. Mir war es wichtig, einen guten Verlag zu finden, bei dem ich mich wohl fühle und der mich unterstützt bei Dingen wie Lektorat, Korrektorat, Marketing. Ich wollte zudem, dass jemand, der Ahnung hat, jemand aus der Branche sagt, ja, das ist gut, das machen wir.

Katja: Wie ich gelernt habe, ist „Der Windhof“ nicht der erste Roman von dir, sondern dein Erstlingswerk ist der Roman „Für immer und ein Vierteljahr“, der so ganz anders klingt wie „Der Windhof“ und auch in einem anderen Verlag erschienen ist. War der Verlagswechsel geplant oder hast du zwei Verlage für unterschiedliche Genres?

Sonja: „Für immer und ein Vierteljahr“ (übrigens auch ein sehr schöner Roman mit einer tollen Liebesgeschichte und einem, wie ich denke, überraschenden Storytwists) war der erste Schritt für mich in die Welt der Bücher. Ich bin bis heute sehr froh und dankbar, dass der Acabus-Verlag mir damals als No-Name-Autorin eine Chance gegeben hat. Es ist ein kleiner Verlag, die aber sehr viel für ihre Autoren und deren Bücher tun. Das Buch war dann auch ein kleiner Überraschungserfolg, die erste Auflage war vergriffen, bevor es überhaupt erschienen war. Ich hatte aber in der Zwischenzeit den Windhof fertig und damit dem Manuskript eine Agentur gefunden. Mein Agent hat mich dann erfolgreich zu Goldmann vermittelt. Ich bin sehr froh, dort mit meinen Büchern eine Heimat gefunden zu haben. Über meine Agentur habe ich zudem noch einen Vertrag mit Bastei Lübbe, wo ich in diesem Sommer meine erste Romanbiografie unter meinem Pseudonym Sienna David herausbringe (Ada und die Gleichung des Glücks, in der es um Ada Lovelace geht, Mathematikerin und Tochter des berühmten Lord Byron). Mit meinem Klarnamen bleibe ich aber bei Goldmann.

Katja: Ich weiß, dass viele Autoren gerade in den ersten Tagen nach einer Neuerscheinung auf Rezensionen warten. Wie wichtig sind Rezensionen für Dich als Autor. Und achtest du, wenn du dir ein neues Buch kaufst, auch auf Rezensionen oder verlässt du dich eher auf Buchtipps von Freunden und Kollegen?

Sonja: Rezensionen sind ungemein wichtig für uns Autoren. Nur so bleibt unser Buch im Gespräch, nur so können sich neue Leserkreise auftun. Je öfter ein Roman bei Social Media erwähnt wird, desto größer die Chance, dass jemand sich in der Buchhandlung daran erinnert und danach greift. Ich selbst lese auch Rezis, bevor ich ein Buch kaufe, wobei mich, wenn mich ein Stoff interessiert, auch schlechte Rezensionen nicht abhalten, weil ich mir selbst ein Bild machen will. Umgekehrt genauso: Manchmal wird ein Buch absolut gehypt, aber ich kann damit nichts anfangen. 

Katja: Du kommst ja aus dem Westerwald. Gibt es ein typisches Rezept, welches du uns empfehlen würdest?

Sonja:  Den Westerwälder Dippekuche, also Kartoffelkuchen. Den ist man mit Apfelmus. Ich mag es gern, aber nach einer Gallen-OP vertrage ich das leider nicht mehr so gut, weil es doch recht fettig ist 😉

Hier kommt das Rezept dazu J

Zutaten:

3 kg Kartoffeln, 3 Zwiebeln. 3 Eier, 8 Mettenden, 3 Scheiben gekochten Schinken, Salz, Pfeffer, Muskatnuss

Zubereitung:

Die Kartoffeln waschen, schälen und fein reiben. Die Zwiebeln schälen und mit den Kartoffeln fein reiben. Die Brühe abgießen. In den Kartoffelteig die Eier geben und mit Salz, Pfeffer und Muskat abschmecken. Die Würstchen in kleine Stücke schneiden. Einen Bräter einfetten, auf den Boden den Schinken legen eine Lage Kartoffelteig und dann ein paar Würstchen dann wieder Teig. Bis das der Topf voll ist. Falls noch Teig über ist kann man damit noch Reibeplätzchen machen. Den Dippekuchen bei 200 -220 Grad etwa 1 1/2 Stunden backen. Dazu schmeckt gut Apfelmus und Kräuterquark.

Ich bedanke mich von ganzem Herzen für deine Zeit liebe Sonja, hier bei unserem gemeinsamen Interview, bei der Lesung und dem gemeinsamen Essen in Leipzig. Es war eine wunderbare Zeit.

Sonja und ich nach der Lesung

Und da ich von der Lesung und dem Buch „Der Windhof“ so begeistert war, habe ich mich spontan zu einer Verlosung entschieden. Erzählt mir doch mal, ob ihr trotz Absage der Messe in Leipzig wart, welche „Ersatzmesse“ ihr vielleicht besucht habt oder welche Lesung. Unter allen Kommentaren auf meinem Blog verlose ich 1 Exemplar des Buches. Einsendeschluss ist der 30. März 2022.

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3 thoughts on “Im Gespräch mit Sonja Roos

  1. Es war ein toller Abend und sehr unterhaltsamer Abend, ich freue mich, dass ich auch dabei sein konnte. Wie du auch Katja, hat mich die Lesung sehr auf den Windhof neugierig gemacht und ich kann es kaum erwarten, das Buch zu Lesen. Danke für das tolle informative Interview an dich und Sonja!
    Liebe Grüße, Claudia

    1. Ich habe mich auch riesig gefreut, euch kennen zu lernen. Es war eine ganz tolle Atmosphäre im Mintastique und wenn du den Windhof gelesen hast, dann melde dich doch mal mit einem kleinen Feedback. Würde mich interessieren, ob er dir gefallen hat. Liebe Grüße

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