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Weihnachten auf dem Bauernhof von Iny und Elmar Lorentz

Wenn man wie Elmar ein gewisses Alter erreicht hat und zudem auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, kann man sich gut an Feste erinnern, wie sie vor Jahrzehnten auf dem Land gefeiert wurden. Neben Ostern und Pfingsten zählte das Weihnachtsfest zu den Höhepunkten des Jahres. In der Gegend, in der Elmar damals gelebt hat, war der christliche Bezug bei diesen Festen noch sehr ausgeprägt. Es gab kaum jemand, es sei denn, er war dazu nicht mehr in der Lage, der am Heiligen Abend nicht die Christmette besuchte. Elmars Familie war als halbe Heiden – also Protestanten in einer streng katholischen Umgebung – davon etwas ausgeschlossen. Dies hinderte uns aber nicht, Weihnachten so zu feiern, wie wir es uns wünschten.

Feiern hat auf dem Land auch immer etwas mit Essen zu tun. Das heißt, es wurde bereits lange im Voraus geplant und gebacken. Bei Letzterem wurde Elmar als Kind dazu verdonnert, mitzuhelfen. Er musste das Zitronat und das Orangeat für die Stollen und Lebkuchen klein schneiden, etwas, dass er überhaupt nicht mochte, da er von dem Zeug nichts naschen konnte. Zwar hat er das Rezept seiner Mutter nie gelernt, aber eines ist ihm noch heute bewusst: Der Stollen war schwerer als das, was man heute in den Geschäften zu kaufen bekommt, und er war über viele Wochen haltbar. Neben Orangeat und Zitronat kamen noch massig Rosinen hinein, damals Sultaninen genannt, dazu Arrak und Rum. Oben drauf kam eine ganz dicke Schicht Puderzucker, die bei Elmar, wenn er die Stollenstücke aß, für reichlich weiße Mundwinkel sorgte.

An den Lebkuchen hatte Elmar weniger Freude als an Stollen und Plätzchen. Es war ihm zu viel Zitronat und Orangeat darin. Gegessen hat er sie natürlich auch. Wie bei den Stollen mussten sie mehrere Wochen vor dem Heiligen Abend gebacken werden, denn zuerst waren sie hart wie Ziegelsteine und wurden erst im Lauf der Zeit weich genug, um gegessen werden zu können.

Wurden Stollen und Lebkuchen nach jeweils nur einem Rezept gebacken, war die Auswahl bei den Plätzchen weitaus größer. Sie gab es mit Zuckerguss, mit Schokolade überzogen, mit Arrak oder Rum getränkt, wahlweise mit Marmelade zusammengeklebt oder als schmackhafte Kokosmakronen und Anisplätzchen. Auch hier war Elmars Mithilfe gefragt, sei es mit dem Zuckerpinsel beim bestreichen und dem bestreuen mit Streuseln. Vor allem aber wurden die Plätzchen kurz vor dem Heiligen Abend gebacken, so dass sich bereits eine vorweihnachtliche Stimmung einstellen konnte.

Es war damals eine andere Zeit als heute. Der Hof lag zehn Kilometer außerhalb der Stadt und eingekauft wurde noch im Tante-Emma-Laden im Dorf. In die Stadt kamen wir selten. Zwar fuhr einmal in der Woche ein Bus dorthin, doch um den zu erreichen, mussten wir fast einen Kilometer bergauf bis zur Haltestelle laufen. Allerdings waren unsere Ansprüche gering und vieles von dem, was Weihnachten auf den Tisch kam, wurde auf dem Hof erzeugt. Die Zutaten für die Weihnachtsleckereien mussten wir allerdings im Dorf besorgen.

Am Heiligen Abend bestand Elmars Mutter darauf, dass neunerlei Sachen auf den Tisch kamen. Dies hieß, es gab zwei Sorten selbstgemachter Wurst, Käse, zum Mittag Fleisch mit Klößen und Gemüse, einen Pudding als Nachtisch, und Fisch zum Abendessen. Elmars Mutter liebte Bratheringe heiß und innig. Hier ist der Apfel allerdings sehr weit vom Stamm gefallen. Elmar hat nämlich schon seit Jahrzehnten keinen Brathering mehr angerührt. Damals aber blieb ihm nichts anderes übrig, als wenigstens einen zu essen. Dazu gab es natürlich Stollen, Plätzchen, Lebkuchen, sehr viel Tee und am Abend einen Becher Glühwein.

Bevor jedoch zu Weihnachten aufgetischt werden konnte, gab es einiges zu tun. Ab seinem zehnten Lebensjahr war es Elmars Job, ein paar Tage vor dem Heiligen Abend mit der Säge in den Wald zu gehen und einen Christbaum zu fällen. Bei Eis und Schnee und einem Graben, über den er springen musste, war dies nicht immer eine schnuckelige Angelegenheit. Elmar kam das eine oder andere Mal mit nassen Füßen nach Hause und dann war ihm ein warmes Fußbad sehr willkommen.

Vor dem Abendessen galt es, noch einmal eine Runde durch den Hof zu machen, damit auch die Tiere etwas vom Weihnachtsfest hatten. Es gab für alle noch einmal einen kräftigen Nachschlag ihres Lieblingsfutters, sei es geschrotetes Getreide, Rübenschnitzel, Möhren für die Kaninchen oder ein paar Handvoll Weizenkörner für die Hühner und Tauben. Erst, wenn alle versorgt waren, konnte auch für uns der Heilige Abend beginnen.

Der Christbaum war meist schon am Nachmittag geschmückt worden. Nun baute Elmar seine Patchwork-Krippe auf, die er über die Jahre Figur für Figur erweitert hatte. Es gab auch Geschenke, unserer Situation angemessen allerdings nur wenige und meist Sachen, die wir sowieso brauchten. Ein oder zwei Bücher waren für Elmar allerdings immer dabei. Das war für ihn eines der schönsten Dinge am Weihnachtsfest.

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Für die meisten Kinder bringt nicht mehr das Christkind die Geschenke, sondern die Werbefigur einer amerikanischen Cola-Firma, und es herrscht oft der Wettstreit, wer die meisten und schöneren Geschenke erhält. Trotzdem sollte man eines niemals vergessen: Weihnachten ist noch immer ein Fest der Freude und der Freundschaft. Lasst es uns in diesem Sinne feiern.

Iny und Elmar Lorentz

Iny und Elmar sind so lieb und haben mir für meinen Adventskalender ein Buch zur Verlosung zur Verfügung gestellt. An dieser Stelle ersteinmal herzlichen Dank dafür.

Unter all denen, die mir bis zum 10. Dezember 2020 um 12 Uhr verraten, wir ihr Weihnachtsbaum geschmückt wird, verlose ich ein Exemplar von dem in November erschienenen Buch „Die Wanderhure und die Nonne“.

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2 thoughts on “Weihnachten auf dem Bauernhof von Iny und Elmar Lorentz

  1. Was für schöne Erinnerungen Elmar mit uns teilt! Danke! In diesem so besonderen Jahr bleibt durch die Corona-Isolation bei uns ausreichend Zeit, den Schmuck für den Weihnachtsbaum wieder selbst zu basteln. Es wird ein Enkelkinder-sicherer Baum mit Origamisternen und himmlischen Heerscharen von Engeln, die aus der Alufolie von längst vernaschten Nougathörnchen upgecycelt werden. Nüsse, Strohsterne und Gehäkeltes werden das Ensemble vervollständigen. Frohe Adventszeit!

  2. Der Weihnachtsbaum wird gemeinsam mit den Kinder geschmückt. Jeder darf entscheiden, wo die rot und silbernen Kugeln und Dekostücke hinkommen, nur bei den Lichterketten lass ich mir nicht reinreden.
    Allen eine ruhige Vorweihnachtszeit.

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